Ein sicherer Ort zum Leben und Lernen

Der 18-jährige Hassan aus Afghanistan macht im Caritas-Zentrum Bad Reichenhall eine Ausbildung zum Bürokaufmann.
 
Hassan Y. ist ein fröhlicher Jugendlicher. Man sieht ihm nicht an, was er in Afghanistan erlebt hat. „Es ist eine lange Geschichte“, sagt er vorsichtig. In aller Ausführlichkeit hat er sie bei seiner Anhörung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erzählt. Er muss es auch nicht noch einmal erzählen. Nur soviel gibt er preis: Er kommt aus einer kleinen Stadt im Norden Afghanistans, sein Vater wurde umgebracht und seine Mutter habe ihn zur Flucht gedrängt, obwohl er erst 16 Jahre alt war. „Für mich bestand direkte Lebensgefahr.“ Seine Gesichtszüge werden hart und verschlossen. Ob die Taliban seinen Vater ermordet haben oder ein Familienmitglied, erfahren wir nicht. Hassan hat diesen Teil seiner Geschichte tief in seinem Inneren vergraben. Er will nicht zurückschauen.

Hassan macht bei uns eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich.
Foto: Caritas München/Thomas Klinger


In Freilassing war Schluss

„Ich bin vor der Lebensgefahr weggelaufen und wollte irgendwohin, wo ich leben und zur Schule gehen kann“, erzählt er. Sechs Wochen war er auf der Flucht und hatte keine Vorstellung, in welchem Land er ankommen würde. „Stress pur“ nennt er die Zeit auf der Flucht. Über Iran, Türkei und die Balkanroute kam Hassan 2015 in Freilassing an. „Hier war erstmal Schluss“, erzählt er und die Erleichterung ist ihm immer noch anzumerken. Das Jugendamt nahm ihn in Obhut, wie es in der Amtssprache heißt und brachte ihn ins „Felicitas“. Etwa 18 unbegleitete minderjährige Jugendliche betreute die Caritas damals im nicht mehr genutzten Teil des Altenheims St. Felicitas in Bischofswiesen. Zum ersten Mal nach einer langen Zeit kann Hassan wieder schlafen, erhält regelmäßig zu essen und kommt zur Ruhe. „Ich habe immer versucht, nach vorne zu schauen“, erzählt er. Diese Einstellung hilft ihm auch in der ersten Zeit in Deutschland.


Ausbildung im Caritas-Zentrum
 
Der Deutschunterricht fällt ihm im Vergleich zu seinen Mitbewohnern leicht, denn er hat in Afghanistan zehn Jahre die Schule besucht und Englisch gelernt. „Mein Deutsch ist noch nicht perfekt“, findet er, aber er ist ganz zuversichtlich: „Das kommt schon noch.“ In der Mittelschule in Berchtesgaden, die er bereits nach kurzer Zeit besuchen konnte, machte er im Juli 2016 seinen Hauptschulabschluss. In mehreren Praktikas schnupperte er in die Berufe Elektriker, Koch, Schreiner und Bürokaufmann hinein. „Im Büro gefiel es mir am besten“, sagt er. Seine Betreuerin im „Felicitas“ schlägt ihm eine Ausbildung im Caritas-Zentrum Bad Reichenhall vor. Seit 1. September ist Hassan nun ein Teil des Teams.

Annette Frankenbusch - eine der Ausbilderinnen Hassans.
Foto: Caritas München/Thomas Klinger

Annette Frankenbusch, die rechte Hand von Zentrumsleiter Rainer Hoffmann, lobt seine Zuverlässigkeit und seine Einsatzbereitschaft. „Er durchläuft alle Stationen in unserem Zentrum, zum Beispiel die Schuldnerberatung, die Erziehungsberatung oder die Fachambulanz für Suchtkranke.“ Zurzeit arbeitet Hassan in der Sozialstation. Er pflegt die Patientenakten, legt die Behandlungsprotokolle dazu, erledigt die Post und „was sonst so anfällt.“

Hassan (r.) mit seiner Ausbilderin Annette Frankenbusch im Caritas-Zentrum Bad Reichenhall.
Foto: Caritas München/Thomas Klinger


Die Hoffnung bleiben zu können
 
Die Arbeit ist ein wichtiger Teil seines neuen Lebens und sie gefällt ihm sehr gut. Aber auch die kleine Stadt Bad Reichenhall, in der er jetzt Freunde hat, und die wunderbaren Berge gefallen ihm. „Ich liebe die Berge“, schwärmt er und erzählt, dass er auch gerne hoch hinaufsteigt. In seiner Freizeit spielt er auch Volleyball im Verein. Einmal in der Woche geht er zum Training und ab und zu spielt er in Turnieren mit. Was Hassan von seinem Alltag berichtet, hört sich nach einem ganz normalen jungen Menschen an.

Trotz der schweren und bedrückenden Erlebnisse in seiner Heimat hat er sich Wünsche, Träume und Ziele bewahrt. „Als ich in Afghanistan aufgebrochen bin, hatte ich nur ein Ziel. Ich wollte einen sicheren Ort zum Leben finden“, sagt Hassan und fügt verschmitzt hinzu: „Es sieht so aus, als ob ich ihn gefunden hätte.“ Seinen Träumen kommt Hassan mit der Ausbildung jetzt einen Schritt näher. Danach will er auf die Fachoberschule gehen, Abitur machen und studieren. Sein größter Wunsch ist jedoch, dass er in Deutschland bleiben kann. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, doch Hassan ist voller Hoffnung.
 
Adelheid Utters-Adam



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