Substitutionsgestützte Ambulante Rehabilitation als Ausstiegsalternative

Substitution als Behandlungsmethode der Opiatabhängigkeit hat sich in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend etabliert. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass sich der Übergang von der Substitutionsbehandlung in ein drogenfreies Leben für unsere Klientel häufig sehr schwierig gestaltet.
 
Ein gutes Beispiel dafür ist Frau L., eine Klientin, die aktuell unser Rehabilitationsprogramm durchläuft. Nach jahrelanger Opiatabhängigkeit gelang es ihr im Jahr 2010 – dank Substitutionsbehandlung und Psychotherapie – Stabilität in ihr bis dahin sehr chaotisches Leben zu bringen. Vorausgegangen waren mehrere Psychiatrieaufenthalte aufgrund der Abhängigkeitserkrankung in Kombination mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, Überdosierungen sowie die drohende Inobhutnahme ihrer Tochter durch das Jugendamt. In den Jahren 2010–2015 war Frau L. durchgehend substituiert, bei weitestgehend stabiler Dosis. Es gelang ihr in dieser Zeit, eine Ausbildung zu absolvieren und eine Tätigkeit auf dem 1. Arbeitsmarkt zu ergreifen. Auch die Erziehung der Tochter meisterte sie so gut, dass sich das Jugendamt gänzlich aus dem Fall zurückzog. Trotz dieser Erfolge stellte sich bei Frau L. immer wieder ein Gefühl der Unzufriedenheit ein, begleitet von dem Gedanken, von der Substitutionsbehandlung loskommen zu wollen und ein drogenfreies Leben zu führen.

Wie sie schildert,  habe sie diesen Gedanken jedoch immer wieder verworfen, da eine stationäre Entwöhnungsbehandlung für sie aufgrund der Lebenssituation nicht in Frage gekommen sei und sie eine fürchterliche Angst gehabt habe, bei einer Abdosierung rückfällig zu werden und all das bereits Erreichte wieder aufs Spiel zu setzen. Auch habe sie die Vorstellung abgeschreckt, einen Entzug machen zu müssen, bevor sie therapeutische Unterstützung erhält,  da sie mit Entzügen bereits schlechte Erfahrungen gemacht habe. Als sie dann durch eine sie betreuende Sozialpädagogin erfahren habe, dass es die Möglichkeit gäbe, eine ambulante Rehabilitation unter Substitution zu machen, habe sie endlich wieder eine Möglichkeit gesehen, ihrem Ziel eines drogenfreien Lebens näher zu kommen.
 
Ähnlich wie Frau L. ergeht es einigen Substitutionsklienten. Nach erfolgter Stabilisierung keimt zunehmend der Wunsch auf, ein drogenfreies Leben, unabhängig vom Substitutionsmittel, führen zu wollen. Wenn Wohnung, Arbeit und Familie vorhanden sind, ist es jedoch für viele nicht möglich bzw. vorstellbar, einfach für 6 Monate aus dem Alltag „auszusteigen“, um eine stationäre Rehabilitationsbehandlung zu absolvieren.
Eine ambulante Rehabilitationsbehandlung, die stattdessen in Frage käme, setzt in der Regel ebenfalls zunächst einen körperlichen Entzug voraus, der oft aufgrund gescheiterter Entzugsversuche in der Vergangenheit angstbesetzt ist. Zudem sind die Erfolge einer ambulanten Rehabilitation bei Opiatabhängigkeit überschaubar, da es aufgrund der raschen Abdosierung zu einer emotionalen Überforderungssituation kommen kann, die beim Übergang vom Entzug zur Rehabilitation zu Rückfällen und einem Scheitern der Behandlung führen kann.
 
Um dieser Personengruppe eine Alternative zu eröffnen, wurde von der Caritas Fachambulanz für substitutionsgestützte Behandlung gemeinsam mit der Caritas Fachambulanz für junge Suchtkranke ein neues Behandlungskonzept entwickelt. Dieses berücksichtigt die speziellen Bedürfnisse von Substitutionsklienten und will trotz Abstinenzorientierung einen niedrigschwelligen Zugang zu einer ambulanten Rehabilitation ermöglichen. Dabei liegt die Besonderheit des SAR-Konzepts insbesondere darin, dass der Abdosierungsprozess nicht als Voraussetzung für eine Rehabilitationsbehandlung betrachtet wird, sondern als ein wesentlicher Bestandteil selbiger. Der Klientel soll es ermöglicht werden, unter reellen Lebensbedingungen einen Umgang mit den sich im Abdosierungsprozess verändernden Emotionen und Kognitionen zu erlernen.
 
Das Behandlungskonzept ist gegliedert in eine bis zu dreimonatige Eingangsphase, eine bis zu sechsmonatige Reduktions-/Ausstiegsphase sowie eine bis zu dreimonatige Stabilisierungsphase. Spätestens nach 9 Monaten soll möglichst eine Substitutionsmittelfreiheit erreicht sein. In enger Kooperation zwischen Sozialpädagogen, Suchttherapeuten, Psychologen, Fachärzten und den jeweiligen Substitutionsärzten soll den Rehabilitanden eine möglichst ganzheitliche Behandlung angeboten werden, die neben lebenspraktischer Unterstützung (Schuldenregulierung, Klärung rechtlicher Angelegenheiten etc.) und medizinischer Grundversorgung eine intensive therapeutische Auseinandersetzung mit der Suchterkrankung, sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting, beinhaltet.
Rüdiger Krause
 


Literaturtipp für eine thematische Vertiefung:
Rüdiger Krause (2012): Ausstiegsalternative Substitutionsgestützte Ambulante Therapie: Entwicklung eines verhaltenstherapeutisch orientierten Konzepts bei Opioid- und Mehrfachabhängigkeit. Münster, Berlin: LIT Verlag.
 
Ansprechpartner:
Rüdiger Krause, Dipl.-Sozialpäd. (FH), Suchttherapeut (M.Sc.),
Tel.: 089/724499160
Caritas Fachambulanz für substitutionsgestützte Behandlung,
Arnulfstraße 83, 80634 München
 


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