Seminare im Bundesfreiwilligendienst

Bildungstag 08/13 – Exkursion in die Caritas–Wendelsteinwerkstätten

Mittwoch, 07. August, so gegen 9:00 Uhr, jetzt schon schwüle 25 Grad Celsius, Tendenz steigend. Ich gehe schnellen Schrittes über den Münchner Hauptbahnhof, zu Gleis 5, unserem Treffpunkt für die Exkursion in die Wendelsteinwerkstätten Raubling. Menschenmassen gehen in die gleiche Richtung, ich kenne keinen. Unser Zug steht bereits da, Fahrgäste steigen ein, obwohl die Fahrt erst in einer halben Stunde beginnt. Nur gut, dass ich unsere Gruppe angemeldet habe, der Zug scheint hoffnungslos voll. Wo die Leute wohl alle hinfahren, mitten in der Woche, an einem so heißen Tag? Ich sorge mich, ob genügend Sitzplätze vorhanden sind. Wo bleiben unsere Freiwilligen? Im nächsten Jahr, das muss ich mir merken, werde ich sie sehr viel früher an den Treffpunkt bestellen!

Endlich sehe ich bekannte Gesichter: die ersten warten im Schatten auf mich, die nächsten kommen zügig von der U-Bahn herbeigeeilt. Schnell habe ich die Gruppe beisammen, lasse alle einsteigen und Platz nehmen, während ich draußen vor dem Zug unruhig auf zwei letzte Nachzügler warte. Der Schaffner hat die Ruhe weg. Als er seine Trillerpfeife zum Mund führt, kommen die beiden jungen Frauen angelaufen, ich atme auf, nun sind wir komplett! Es kann losgehen. Ich zwänge mich zwischen stehenden Passagieren durch, suche nach unseren Gruppenteilnehmern und finde sie über den ganzen Zug verteilt. Wenigstens haben sie einen Sitzplatz!

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Der Zug fährt Richtung Rosenheim, wir passieren kleine Bahnhöfe, deren Namen uns nicht bekannt vorkommen, durchqueren die in warmes Sommersonnenlicht getauchte Voralpenlandschaft. Es gibt einige Mitreisende, die noch nie Zug gefahren sind oder schon ganz, ganz lange nicht mehr – für sie wird bereits die Zugfahrt zum Erlebnis.
In Rosenheim steigen wir um und fahren in einem Bummelzug weiter nach Raubling. Freiwillige die hier in der Gegend zuhause sind, stoßen in Rosenheim zu uns und als wir in Raubling ankommen, sind wir eine Gruppe von 30 Personen. Frau Wengraf von den Wendelstein-Werkstätten und ein Bus warten auf uns und bringen uns wohlbehalten an unser Ziel.
Der erste Eindruck zeigt: wir sind hier willkommen, gastfreundliche Menschen erwarten uns.
Im Hof dürfen wir uns im Schatten niederlassen, bekommen kühle Getränke gereicht und können in Ruhe erste Eindrücke sammeln. Erst einmal ankommen! Uns umschauen!
Großzügige, lichtdurchflutete Gebäude in heller Holzbauweise machen neugierig auf die Menschen die hier arbeiten.
Frau Wengraf und Frau Ellinger, zwei Mitarbeiterinnen, die in dieser Einrichtung Bundesfreiwillige (BFD-ler) betreuen, führen uns durch den Tag. Wir starten mit einem Kennenlernspiel unter freiem Himmel. Woher kommen wir, die Besucher, ursprünglich? Die Mitte des Hofes markiert München, wir ordnen uns nach Himmelsrichtung zu, näher oder weiter weg um die Mitte herum. Eine Menge Münchner sind heute anwesend und viele Freiwillige aus dem Münchner Umland, aus Rosenheim, Wasserburg, Attl, Schönbrunn, Bad Endorf etc.…. es sind mehr aus dem Münchner Süden als aus dem Norden. Vereinzelt gibt es BFD-ler aus anderen Bundesländern, aus der Ukraine, Südamerika, Afrika. Wo sind die anwesenden Freiwilligen eingesetzt? Die Gruppe kommt in Bewegung, denn die Einsatzorte sind vielfältig: Behinderteneinrichtungen, Altenheime, Kindertagesstätten, Sozialstationen, Wohnungslosenhilfe usw. Wie lange sind sie schon im BFD tätig? Die Teilnehmer bilden eine Reihe, rechts stehen jene, die in den nächsten Tagen ihren Dienst beenden, links, weit hinten stehen die „Neuen“.


Mit jeder Frage verändert sich die Anordnung, ich muss unwillkürlich an die Mustervielfalt eines Kaleidoskops denken.

Was wir heute als Gastgeschenk mitgebracht haben? Meine Wahl fiel auf Luftballons. Ich verteile 50 bunte Luftballons an die Freiwilligen, manche Ballons haben neckische Gesichter und ungewöhnliche Formen. Wenn unsere BFD-ler Beschäftigten in den Werkstätten begegnen, können sie sie verschenken.

Das Aufblasen ist eine Herausforderung...
.... die schließlich gelingt.

Schnell finden sich Abnehmer für die Luftballons. Es macht Spaß, Freude zu schenken.

Vor dem Rundgang durch die Werkstätten werden wir mit einem köstlichen Mittagsmahl verwöhnt: Fischfilet in Currypanade mit selbstgemachter Remouladensauce und Kartoffelsalat. Herrlich! Eine Kantine allererster Güte!
Gestärkt begeben wir uns in die Empfangshalle. Auch hier wieder ein Gruß an uns, die Gäste: „Herzlich willkommen den Bundesfreiwilligen!“. Zugleich ist dies eine Information für Mitarbeiter wie für Beschäftigte, wer heute bei ihnen im Haus weilt.
Wir werden von einem weiteren Mitarbeiter begrüßt. Er erzählt uns Wissenswertes über die Einrichtung, die eigene Produktion, die Auftragslage, die Finanzierung und die Entlohnung. Aufmerksam hören die Freiwilligen zu, stellen Fragen, sind interessiert. Dann teilen wir uns in zwei Gruppen auf und beginnen unseren Rundgang. Der Weg meiner Gruppe führt an einer Tafel vorbei, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht: MAV-Wahlen. Wer darf sich aufstellen? „Jeder wird aufgestellt, wer nicht mitmachen will, streicht seinen Namen von der Liste!“ sagt Frau Wengraf. Ungläubiges Staunen. Ja, aber wenn jemand eine Behinderung hat, die die Ausübung des Amtes erschwert? Dann wird ihm eine Vertrauensperson zur Seite gestellt, die ihn unterstützt. So einfach ist das! Wir sind beeindruckt.
Unser Rundgang führt uns durch die Förderstätte in der uns die Einsatzleitung einen Eindruck vom Alltag der Betreuten gibt. Betreute kommen herbei und begrüßen uns, andere sitzen in der Sofaecke und schauen zu uns hin. Heute ist Sommerfest, gleich werden die Vorbereitungen dafür getroffen. Musik verbreitet gute Laune. Einige der BFD-ler die hier im Einsatz sind, erzählen uns von ihren Aufgaben, ihrem Arbeitsalltag. An den Wänden im Flur hängen wunderschöne Porträts der Beschäftigten. Ob ein professioneller Fotograf sie gemacht hat? Nein, ein Mitarbeiter der Freude am Fotografieren hat. Wir dürfen den Snoozelen-Raum besichtigen, ein Raum in den sich jeder zurückziehen darf, der etwas Stille braucht, auch die Mitarbeiter. So einen Raum wünschen sich heutzutage wohl ganz ganz viele Arbeitnehmer! Es geht weiter.

Wir besichtigen die Montage, die Wäscherei, die Schreinerei. Viele Beschäftigte sehen kurz auf, dann fahren sie mit ihrer Arbeit fort, manche kommen zu uns und begrüßen uns aufs herzlichste. Was mir auffällt ist, wie wenig Hektik in den Werkstätten herrscht. Es wird zügig gearbeitet, aber in einem Tempo das Zeit lässt zum durchatmen. Auf meine Frage, ob der eine oder andere Beschäftigte irgendwann auch in einem regulären Handwerksbetrieb arbeitet, wenn er genügend Berufserfahrung hat, erfahre ich, dass das sehr wohl der Fall ist. Wie er mit dem Arbeitstempo am freien Markt zurechtkommt? Kein Problem! Die Kollegen nehmen in der Regel Rücksicht. Überhaupt zeigt die Erfahrung, dass ein Mensch mit Behinderung sich positiv auf die Teamkultur auswirkt: viele eigene Probleme relativieren sich angesichts der Behinderung des Kollegen, vor allem aber seine Lebensfreude färbt ab und seine Offenheit wirkt sich auf den Kontakt der Mitarbeiter untereinander aus. Hilfsbereitschaft und Toleranz im Team steigen und es passiert nicht selten, dass es zu einer Entschleunigung kommt, die sich positiv auf den Stresspegel und damit auf die Gesundheit der Mitarbeiter auswirkt. Lange noch geht mir diese Aussage nach.

Unseren Rundgang beenden wir im Lager, in dem die fertigen Produkte verkauft werden. Ungläubig stehen wir vor der Vielfalt, der ansprechenden Gestaltung und der Qualität der Produkte. Wir erfahren, dass gelernte Designer die Produkte entwerfen, die dann von den Beschäftigten, unterstützt von Handwerksmeistern und Mitarbeitern, gefertigt werden. Die Produktlinie hat einen Namen: „side by side“. Mir scheint dieser Name Programm für das Gesamtkonzept der Wendelstein-Werkstätten. Ich bin beeindruckt von dem, was die Caritasmitarbeiter hier leisten. Nah. Am Nächsten. Das haben wir hier in bester Umsetzung erleben dürfen.
Bevor wir gehen, werden wir auf einen Nachmittagskaffee mit erfrischendem Obstkuchen eingeladen, den wir gerne im Freien, unter schattigen Bäumen zu uns nehmen. Unsere Freiwilligen sind stiller geworden, das Gesehene will erst verarbeitet werden. Ich blicke in zufriedene Gesichter, die Exkursion hat sich gelohnt. Wir haben durch unseren Besuch mehr erfahren, mehr Eindrücke mitnehmen können, als jeder Vortrag es vermocht hätte.

Eine Begegnung noch zum Schluss: ein junger Mann in Anzug und Krawatte kommt mir entgegen. Ich traue meinen Augen nicht, es ist ein BFD-ler, der vor ein paar Wochen noch mit uns auf Seminar war. Er lacht, als er mich sieht, seinen BFD hat er nun beendet, vor einer Woche hat er seine Lehre bei einer Bank aufgenommen. Ein Lebensabschnitt ist geht zu Ende, der nächste steht an. So soll es sein, so ist es richtig! Er hat seinen BFD hier in den Werkstätten in Raubling abgeleistet und kam heute zu Besuch, weil er so gerne hier war und die Menschen vor Ort ihm ans Herz gewachsen sind. In der Hand trägt er ein kleines Sparschwein, ein Geschenk an sie.

Ein letztes Gruppenfoto noch, dann brechen wir auf. Wir danken für den wunderschönen Tag, er war sehr eindrücklich für uns! Frau Wengraf und Frau Ellinger begleiten uns zum Bus, dann geht es mit dem Zug wieder heimwärts.
Für viele der anwesenden Freiwilligen war dies der letzte Bildungstag, ein paar Tage noch oder wenige Wochen, dann ist ihr Dienst beendet und ein neuer Lebensabschnitt beginnt auch für sie. Andere wiederum werden ihrem Freiwilligendienst noch einige Monate nachgehen, für sie gibt es ein Wiedersehen im September beim nächsten Bildungstag.

Ursula Stein
Pädagogische Referentin


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