Ankommen in der neuen Heimat

Ehrenamtliche Helfer der Caritas engagieren sich, um Flüchtlingen in den Gemeinschaftsunterkünften das Leben zu erleichtern
 
Samiha F.* ist froh, mit ihren drei Kindern in Sicherheit zu sein. Sie spielen ausgelassen im Mehrzweckraum einer Münchner Gemeinschaftsunterkunft. Für die Kinder ist das eine willkommene Abwechslung, denn Samiha, ihr Mann Marnan*, die fünfjährige Roueda*, die dreijährige Hoda* und das sechs Monate alte Baby leben in einem Zimmer mit fünf Betten, Kühlschrank, Tisch und Schrankwand. Sie teilen sich Küche, Dusche und zwei Toiletten pro Stockwerk mit 30 anderen Flüchtlingen, Männer und Frauen getrennt. Auf den vier Stockwerken leben 140 Flüchtlinge. Flüchtlinge, die zu uns nach Bayern kommen, bekommen erst einmal alles, was sie zum Leben brauchen: zweimal pro Woche Essenspakete von der Regierung von Oberbayern, einmal im Halbjahr Saisonware aus einem Kleiderlager, einmal im Monat Taschengeld für persönliche Dinge. Caritasmitarbeiter betreuen und begleiten die Menschen, helfen beim Asylantrag.
 
Kulturdolmetscher helfen, Deutschland zu verstehen
Familie F. ist aus Syrien geflohen, sie lebt seit zwölf Monaten in Deutschland und hat inzwischen eine Aufenthaltsgenehmigung. Der 36-jährige Vater ist den ganzen Tag unterwegs, er sucht Arbeit und eine Wohnung. Maria, die Jüngste, ist in München geboren. Caritas-Flüchtlingsbetreuer Jonas Goll ist in seinem Büro in der Gemeinschaftsunterkunft erste Anlaufstelle für die Menschen, die hier leben. „Jonas hat uns gesagt, in welches Krankenhaus wir zur Entbindung gehen können“, sagt Samiha auf Englisch. Gemeinsam mit der Kulturdolmetscherin Sina hat er die Kinderbetreuung für die Mädchen während des Klinikaufenthalts der Mutter organisiert. „Sina ist die Seele der Unterkunft. Sie ist mir eine große Hilfe“, sagt Goll, „ohne sie könnte ich es gar nicht schaffen“. Die 55jährige Irakerin ist seit zehn Jahren in Deutschland. Sie spricht arabisch und deutsch, hat mittlerweile einen deutschen Pass und zwei erwachsene Kinder. Die gelernte Bauingenieurin hat die langwierige Anerkennung ihrer Ausbildung geschafft, findet aber wegen ihres Alters keinen Job mehr in ihrem früheren Beruf. Sie hat sich von Anfang an ehrenamtlich für andere Flüchtlinge eingesetzt und sich weiter qualifiziert. Seit 2011 arbeitet sie mit zwölf Wochenstunden als Kulturdolmetscherin und Kinderbetreuerin bei der Caritas. Sie übersetzt Briefe vom Wohnungs- und Flüchtlingsamt oder dolmetscht bei Gesprächen. „Vorgestern hat Samiha einen Brief vom Sozialamt bekommen. Da ist es wichtig, dass sie weiß, worum es geht“, sagt Sina. „Verpasst sie einen Termin, kann es zu finanziellen Engpässen kommen, etwa wenn ein Auszahlungstermin verpasst wird“, weiß Jonas Goll. Auch die drei Kinder kann sie nicht immer mitnehmen. Dann muss eine Kinderbetreuung organisiert werden. Den Kindern macht es Freude, mit Sina im Aufenthaltsraum zu basteln oder zu spielen. Ihre selbst gemalten Bilder schmücken den etwa 50 Quadratmeter großen Raum. 

Helferkreise aus Nachbarschaft und Pfarreien
Jede Woche kommen ungefähr 100 Flüchtlinge nach Oberbayern. Sie wohnen in Gemeinschaftsunterkünften, in Wohnungen oder Pensionen, je nach den Möglichkeiten der Kommunen. Die materielle Starthilfe reicht für das Lebensnotwendige. Sie haben zu essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Doch zu einem menschenwürdigen Leben gehören auch soziale Kontakte und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in der neuen Heimat. Vielerorts haben sich ehrenamtlich tätige Frauen und Männer aus Nachbarschaft und Pfarreien in Helferkreisen zusammen gefunden. Am Runden Tisch organisieren sie Hausaufgabenbetreuung für die Kinder, die Begleitung bei Behördengängen oder die Kinderbetreuung, wenn die Mutter zum Arzt muss.
Die Mitarbeiter der Caritas, die die Flüchtlinge beraten und begleiten, sind dankbar für jede Hilfe. Eine Vollzeitkraft betreut nach derzeitigem Schlüssel der Regierung von Oberbayern 180 erwachsene Flüchtlinge. Die bayerische Sozialministerin Emilia Müller will den Betreuungsschlüssel auf 1:100 verbessern. Doch auch dann sind ehrenamtliche Helfer willkommen und notwendig. „Wir gehen mit den Familien am Wochenende in den Tierpark, damit sie hier mal raus kommen und auch etwas von ihrer neuen Heimat kennen lernen“, sagt Sina.
 
Hoffnung auf Paradigmenwechsel in der Asylpolitik
Die Zahl der Menschen, die in Deutschland einen Antrag auf Asyl gestellt haben, ist von jährlich 400.000 nach der Flüchtlingswelle in den neunziger Jahren in Folge des Jugoslawienkriegs auf unter 20.000 pro Jahr gesunken. Jetzt steigen die Zahlen sprunghaft. Ende 2013 waren es laut der Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mehr als 110.000. Die Menschen kommen aus Afghanistan, Syrien und anderen arabischen Ländern, aus dem Kaukasus und Somalia. Bayern hat im Jahr 2013 17.000 Flüchtlinge aufgenommen, das sind 15,2 Prozent. Die Prozentzahl wird vom BAMF je nach Wirtschaftskraft und Einwohnerzahl ermittelt. Die Kommunen sind vom Flüchtlingsstrom überrannt worden, denn viele der früheren Unterkünfte wurden aufgelöst. Sie müssen die ihnen zugeteilten Flüchtlinge unterbringen bis über deren Asylantrag entschieden ist. Bei dem ohnehin knappen Wohnraum in der Metropolregion München eine schwierige, zuweilen schier unlösbare Aufgabe. Glücklicherweise scheint sich in der bayerischen Asylpolitik mit der seit September amtierenden bayerischen Sozialministerin Emilia Müller ein Paradigmenwechsel zu vollziehen. Neue Erstaufnahmeeinrichtungen sollen geschaffen werden, denn die beiden bestehenden sind hoffnungslos überfüllt. Müller hat die Devise ausgegeben „dass Bayern schutzbedürftigen Menschen Schutz bietet“. Die umstrittenen Essenspakete sollen abgeschafft, die soziale Betreuung der Flüchtlinge ausgebaut, Geld für Sprachkurse aufgestockt werden. Maßnahmen, die Flüchtlingsorganisationen bereits seit Jahrzehnten fordern. „Die Menschen, die nach Deutschland kommen, wollen sich integrieren. Sie hungern danach, etwas zu lernen und wollen ihr eigenes Leben aufbauen“, sagt Sina. Sprache und Bildung sind Schlüssel, um in Deutschland eine Perspektive zu haben. Die Beratungsstellen der Caritas stehen ihnen auch dann offen, wenn sie bereits auf eigenen Beinen stehen.


Manuela Dornis

Sozialcourage 01/2014
Reportage
Seite 6/7


Alveni - Sozialdienst für Flüchtlinge berät und betreut Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften und Wohnungen.

Migrationsdienste beraten und begleiten Migrant/innen.

Akademie der Nationen bietet Sprachkurse und Fortbildungen für Migrant/innen an.

Alveni Haus der Nationen fördert und koordiniert Freiwilligenarbeit unter Migrant/innen.

Alveni Jugendhaus ist eine Jugendhilfeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Alveni – Sozialdienst für Flüchtlinge
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