Interview

HIV-Positive klären auf
 
Bei der Psychosozialen AIDS-Beratungsstelle der Caritas München gibt es das Projekt „Positive Begegnungen“. Zusammen mit hauptamtlichen Mitarbeitern der Beratungsstelle gehen HIV-Positive mit in die Schulen und stellen sich dem Gespräch mit jungen Menschen. Mit drei von ihnen, Ute, Jochen und Josef (alle Namen verändert) wurde ein Interview geführt.
 
Wie lange gehst Du schon in Schulen, wie bist Du dazu gekommen?
 
Ute:
Seit ca. 4 Jahren. In der AIDS-Beratungsstelle der Caritas München. hat mich jemand drauf angesprochen.
 
Jochen:
Schon sehr lange, etwa 12 Jahre! Man hat mich in der Caritas AIDS-Beratungsstelle gefragt und ich hab „ja“ gesagt.
 
Josef:
Das weiß ich nicht genau, zehn Jahre mindestens. Eine Mitarbeiterin von der Caritas hat mich da „reingeschubst“. Früher kamen Münchner Schüler noch zu uns in die Beratungsstelle, so hat es angefangen. Jetzt gehen wir in die Schulen.
 
 
Was ist Deine Motivation? Und was bringt es Dir selbst, Schülerinnen und Schüler aufzuklären?
 
Ute:
Ich finde, dass das eine sehr sinnvolle Arbeit ist, um Vorurteile und Diskriminierung abzubauen. Ich habe Angst vor Ablehnung, deshalb möchte ich dazu beitragen, dass Menschen von meiner Angst erfahren und mich nicht verurteilen oder verachten. Ich finde auch wichtig, dass die Infektionswege bewusst gemacht werden. Wer das weiß, kann sich schützen und weiß auch, dass es nur wenige Situationen gibt, wo mach sich anstecken könnte. Ich habe vor 22 Jahren erfahren, dass ich infiziert bin. Damals wusste man nichts über die Ansteckungswege und viele meinten, dass man sich beim gemeinsamen Essen oder Trinken abstecken kann, durch Hände schütteln oder beim Benutzer der Toilette oder durch anniesen. Das waren noch harte Zeiten und man war auf der Hut, jemanden von der Infektion zu erzählen. Man hatte Angst vor Ausgrenzung und Verachtung.
Ich denke, dass es ein gutes Gefühl macht, wenn man sieht, wie die
Schüler das Ganze verarbeiten. Auch das Mitgefühl, das mir entgegen
gebracht wird, berührt mich immer wieder.
 
Jochen:
Meine Motivation ist es, über die Krankheit aufzuklären und Informationen weiterzugeben. Das ist das Wichtigste. Es ist mir ein wesentliches Bedürfnis das den jungen Leuten mitzuteilen.
Für mich selbst ist es auch eine innere Befriedigung in dem Sinne, dass etwas getan wird, um über HIV und AIDS aufzuklären, und dass ich etwas Sinnvolles tun kann. Ich werde gebraucht.
 
Josef:
Meine Motivation ist es, dass man weiß, was die Krankheit ist und auch, dass sie nicht mehr tödlich ist, so wie früher. Ich sag mal so: Wenn ich einen von zwanzig Schülern erreiche, dann hat es sich für mich rentiert.
Für mich ist dabei auch gut, dass ich unterwegs bin, für mich selbst einen geregelten Ablauf hinkriege und etwas Sinnvolles tue. Ich freue mich auch darüber, dass ich mit jungen Menschen in Kontakt komme.
 
 
Wie läuft so eine Unterrichtseinheit ab?
 
Josef:
Zuerst arbeiten Mitarbeiter von der Caritas erst mal vor und informieren über die Krankheit. Dann komme ich in die Klasse und es ist erst mal ruhig, auch wenn es vorher nicht ruhig war, und alle schauen mich gespannt an. Ich stelle mich dann vor und warte auf Fragen, die ich dann beantworte. Das dauert ungefähr 45 Minuten. 
 

 
Wie geht es Dir damit, über die Infektion zu reden?
 
Ute:
Ich mache das gerne, einerseits, weil es mir hilft selber zu reflektieren, andererseits lerne ich souveräner mit der Infektion umzugehen.
 
Josef:
Wenn ich darüber rede, wird mir die Infektion natürlich präsenter. Andererseits kann ich ganz normal darüber reden, wie über jede andere Krankheit auch. Es ist nicht mehr so emotional wie früher, da sind mir gleich die Tränen in die Augen gestiegen und der Gedanke gekommen, dass ich nicht mehr lange leben werde. Das ist ja heute zum Glück nicht mehr so. Und durch die Routine ist es relativ leicht über HIV zu reden. Es ist ein Teil meines Lebens geworden, auch dadurch, dass ich viel in den Schulen bin und darüber rede.
 
Jochen:
Das ist für mich persönlich überhaupt kein Problem. Wenn man nicht darüber redet, kann man es auch nicht weitergeben. Man muss also darüber reden! 
 
 
Gibt es Fragen, die Du nicht beantwortest?
 
Ute:
Ja. Aber nicht viele.
 
Jochen:
Ja natürlich. Es kommt aber selten vor. Es ist einmal passiert, dass ich gefragt wurde, welche sexuellen Praktiken ich gemacht habe. Das habe ich nicht beantwortet, das ist nicht der Sinn.
 
Josef:
Ich beantworte eigentlich fast alles. Einmal wurde ich ausgefragt über sexuelle Praktiken, wo ich abgebrochen habe. Über so etwas Intimes spreche ich nicht. Die Grenze ist sozusagen, wenn es zu sehr ins Detail geht. Ich rede auch nicht über Homosexualität, weil es nicht das Thema ist.
 
 
Hast Du schon Probleme mit einer Klasse gehabt, wenn ja, wie war das?
 
Josef:
An eine Klasse kann ich mich ganz stark erinnern. Es waren sieben Jungs in einer Förderschule, die überhaupt nicht zugehört haben. Einer wollte sogar einfach gehen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass da irgendetwas ankam und die sich interessieren. Das ist das größte Problem, das ist erlebt habe. Ich habe in Klassen auch Einzelpersonen erlebt, die aufgrund ihrer kulturellen Hintergründe gegen Homosexualität wetterten.
 
Jochen:
Das gab es hin und wieder. Schüler, die die Sache nicht ernst nehmen und meinen, dass es sie selbst sowieso nicht treffen kann und sie machen können was sie wollen. Einmal haben Schüler gesagt, wir würden es nicht so drastisch schildern, um ihnen Angst zu machen. Dann hab ich das Gefühl, ich hab umsonst geredet. Oder, wenn Schüler mit ihrer Körperhaltung deutlich demonstrieren, dass sie nicht interessiert sind.
 
 
Ist Dir noch etwas wichtig in diesem Zusammenhang zu sagen?
 
Ute:
Ja, ich finde, dass das so wichtige Arbeit ist, dass sie fortgesetzt werden sollte. Die Schüler reden ja auch mit den Eltern und so können sich auch ältere Menschen mit Vorurteilen auseinander setzen.
Ich finde, dass die meisten Schüler eher Mitgefühl haben, als Ablehnung.
Aber ältere Menschen sehen die Krankheit oft noch als Strafe und verachten Menschen mit HIV.
Ich kann selbst auch reflektieren über die Zeit mit der Krankheit und werde mir über viele Dinge bewusst. Manchmal erkenne ich noch tief vergrabene Schuldgefühle und Ablehnungsängste, die ich dann bewusst abbauen kann.
Es ist zum Teil auch Selbstverarbeitung.
 
Josef:
Im Allgemeinen ist mir wichtig, dass die Aufklärung an Schulen passiert, weil doch viele Schüler nicht Bescheid wissen und durch die Veranstaltung einen „AHA-Effekt“ erleben und weniger Angst haben über das Thema zu reden.
 
Jochen:
Eigentlich sind solche Veranstaltungen nicht nur für 8. oder 9. Klasse notwendig. Es sollte auch noch viel mehr in Pflegeschulen, Rehabilitationseinrichtungen und Ausbildungsstätten für medizinisches Personal passieren. Dort gibt es immer noch viel Diskriminierung gegenüber HIV-positiven Menschen. Das kann einen schon ganz schön depressiv machen. 
 


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