Bedarfsorientierte Sozialtransfers


1. Fallbeispiel

Rentnerin, 82, Witwe, Rente 620 €, arbeitet noch immer ehrenamtlich mit Aufwandsentschädigung, um ihre Kosten für Zuzahlungen bei Ärzten, Medikamenten etc. abzudecken. Antrag auf aufzahlende GS wurde abgelehnt. Im Herbst ging der Kühlschrank kaputt, seither kühlt die Dame ihre Lebensmittel auf dem Balkon. Anträge auf einmalige Hilfen wurden wiederholt abgelehnt, größere Elektrogeräte erhalten derzeit angeblich nur Familien mit Kindern.


2. Fallbeispiel

Familie, 2 Kinder, Mann berufstätig, Einkommen entspricht genau sozialhilferechtlichen Bedarf. Das kleinere Kind (3 Jahre) bräuchte dringend einen KiGa Platz, da sozial auffällig. Der kath. KiGa am Ort hat den Jungen aufgenommen für einen Ganztagsplatz, das Jugendamt bezahlt aber maximal 6 Stunden täglich. Nun häufen sich die nicht abgedeckten Gebühren, Anfragen bei der Gemeinde, Stiftungen, Landratsamt, waren bislang ohne Ergebnis. Wenn bis Mai die fehlenden Gelder nicht bezahlt werden, wird der KiGa Platz gekündigt.


3. Fallbeispiel

Alleinerziehende Frau, 34 J., ein Sohn (10) geht aufs Gymnasium, hat aber große Probleme mit Latein. Mutter arbeitet in Teilzeit, ergänzend ALG2, Antrag auf Nachhilfe über das Teilhabepaket läuft seit Monaten, wurde zunächst im Amt verloren, jetzt angeblich in Bearbeitung. Vermutlich wird es zu spät und das Kind wird das Klassenziel nicht erreichen. Des Weiteren steht eine Schulreise zum Schifahren an, die 350 € kostet. Diese Kosten werden nicht vom Amt übernommen, daher wird der Sohn nicht mitfahren können. Diese Problematik gibt es laufend, natürlich ist es sehr ausgrenzend und stigmatisierend für die Kinder, wenn sie als Einzige nicht auf Klassenfahrt fahren können.


ältere Menschen auf Parkbank

Unter 1000 Euro wird es sehr knapp

Alten-und Servicezentren der Caritas federn Armut im Alter ab. Maria M. ist 87 Jahre alt, verwitwet und hat einen Sohn. Ihre monatlichen Bezüge betragen 965,37 Euro (Witwenrente, Rente und Grundsicherung). Davon muss sie 622,00 Euro Miete bezahlen und die Miete soll demnächst erhöht werden. Seit 15 Jahren besucht Maria den Mittagstisch im Alten-und Servicezentrum Solln-Forstenried. In den ASZ können Menschen, die von Grundsicherung leben, für 3,10 Euro essen, für alle anderen kostet der Mittagstisch 5,10 Euro. „Mit so wenig Rente kommt man knapp über die Runden. Wir haben Maria bereits mehrmals mit Stiftungsmitteln unterstützen können“, berichtet Melanie Weindl, Leiterin des ASZ Solln-Forstenried. Auch Claudia Hohendorf aus dem ASZ Pasing hilft ihren Besucherinnen und Besuchern, die von Grundsicherung leben müssen. Sie können sich in der Kleiderkammer bedienen oder bekommen Gutscheine für die Tafel in der Pfarrei St. Lukas am Westkreuz. „Menschen über 60 Jahre mit Schuldenproblemen, Krankheiten ohne Pflegestufe oder ähnlichen Problemen werden bei uns professionell beraten“, berichtet Hohendorf. Aber auch generell mache sich eine Tendenz zum Sparen bemerkbar. Viele Angebote mit Eintrittsgeldern seien eher mäßig besucht. Ihre Kollegin Anna Berlinger, Leiterin des ASZ Obermenzing, bestätigt diese Entwicklung. Auch hier in einem relativ begüterten Stadtviertel gebe es Besucher, die auf jeden Cent achten müssten. „Zu uns kommen durchaus auch Frauen und Männer, die sich unsere MVV-Fahrkarte ausleihen oder Einkaufsgutscheine abholen, weil das Geld nicht mehr reicht“. Die 71-jährige Renate P. betreibt im ASZ Obermenzing einen Flohmarkt mit Büchern, CDs, Dekorationsartikeln, Kerzenständern und Handtaschen. Sie erzählt, dass ihr manchmal jemand anonym einen Umschlag mit Geld im ASZ hinterlegt. Die anonymen Spenden seien immer wieder auch bei anderen Bewohnern mit Geldsorgen aufgetaucht. „Irgendwann hat sich herausgestellt, das es sich bei dem Spender um einen gutsituierten Rentner handelte, der seinen Freundinnen und Freunden im ASZ etwas Gutes tun wollte“, erzählt ASZ-Leiterin Berlinger. Altersarmut in Obermenzing zeigt sich aber auch dadurch, dass mehr Besucher in der Schuldnerberatung auflaufen. (Marion Müller-Ranetsberger, Kommpakt-LH 04/12; Bild: fotolia.de, © Alterfalter)


Neue Caritas Spezial - Armut darf sich nicht vererben

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