Zugang zur Arbeit

Langzeitarbeitslose nicht abschieben

Durch das Sparpaket der Bundesregierung wird der Eingliederungstitel für langzeitarbeitslose Menschen von 2010 bis 2014 um 50% gekürzt. Dies bedeutet, dass die aktive Förderung von langzeitarbeitslosen Menschen massiv beschnitten wird. Faktisch wird es Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen treffen, die psychisch oder körperlich erkrankt sind. Auch für diese Menschen muss es zukünftig eine sinnvolle berufliche Perspektive geben. Entgegen der aktuellen Arbeitsmarktpolitik dürfen wir das Ziel eines sozialen Arbeitsmarktes, der langfristige und sinnstiftende Beschäftigung für Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen offeriert, nicht aufgeben. Das Sozialgesetzbuch II darf nicht nur arbeitsmarktpolitische Ziele verfolgen, sondern muss auch seinem sozialpolitischen Mandat gerecht werden. Wir brauchen einen sozialen Arbeitsmarkt, der die Beschäftigungsfähigkeit von Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen fördert und gesellschaftliche Inklusion ermöglicht. (Johanna Schilling, Geschäftsführerin des Integrations- und Beschäftigungsbetriebs der Caritas Weißer Rabe gGmbH, Kommpakt-LK 02/12)


Gebrauchtwarenmarkt Weißer Rabe

Endlich einmal dazugehören

Was der Gebrauchtwarenladen des Weißen Raben den Mitarbeitern bedeutet
„Hierhin, oder?“ Ein wenig unschlüssig hält die schlanke Frau mit den langen dunklen Haaren einen Kronleuchter an die Decke. Sie steht auf einer braunen Leder-Couch und will den Leuchter so platzieren, dass er gut zur Geltung kommt. „Naa, der ist er zu groß“, widerspricht ein Mann in Jeans und Sweatshirt. „Weiter nach links!“ Die beiden sind Verkäufer im Gebrauchtwarenladen des Weißen Raben an der Bavariastraße, einem Caritas-Betrieb.
Für derzeit 95 Menschen ist das Gebrauchtwarenhaus mit der angeschlossenen Hausmeisterei eine Chance für den Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt. Sie trainieren den Umgang mit Kunden und Kollegen, mit einem strukturierten Arbeitstag, mit Erfolgen oder auch mit kleinen Misserfolgen. Doch zum April muss der Weiße Rabe diese Stellen auf 79 kürzen – der Grund ist die arbeitsmarktpolitische Instrumentenreform.
„Das ist für die Betroffenen schlimm“, sagt Johanna Schilling, Geschäftsführerin des Weißen Raben. Als Beispiel nennt sie eine schwerbehinderte junge Frau, die ihre Tochter alleine aufzieht. Drei Jahre lang konnte die Frau durch verschiedene Maßnahmen gefördert werden. Drei Jahre, in denen sie sich nicht mehr nur als Bedürftige erlebte, sondern als tatkräftige Mitarbeiterin in einem netten Team. Über den Verlust ihrer Stelle, über das Wegbrechen des Kollegenkreises ist die Frau sehr unglücklich, wie Johanna Schilling berichtet. Die schwerbehinderte Frau hat schlicht Angst, ohne Förderung auf der Strecke zu bleiben. „Denn die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes geht an „schwächeren“ Menschen vorbei“, weiß Johanna Schilling.
Zurück im Laden hat der Kronleuchter seinen Platz mittlerweile gefunden. Die Frau mit den dunklen Haaren räumt den Kassentisch auf, ihr Kollege zeigt einem jungen Mann den Weg zum Büro des Sozialpädagogen. Jeder hat seine Aufgaben, jeder packt an. Johanna Schilling sagt: „Wir geben den Leuten das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein.“ 1914 Zeichen (Christiane Pütter, Kommpakt-LH 02/12; Bild: DicvMuc)


Wegbereiter in die Arbeitswelt

Das Caritas Freiwilligen-Zentrum Ost stellt Hauptschülern Paten zur Seite
Gemeinsam haben Rainer Bendel, 61, Siemens-Manager, und Ismail Cetin, 15, Hauptschüler, eigentlich nur eins - ein Ziel: Ismail soll die Schule schaffen und einen Ausbildungsplatz bekommen. Seit eineinhalb Jahren arbeiten sie daran. Zusammen kam das ungleiche Team über das Caritas Freiwilligen-Zentrum München Ost. Seit 2007 werden hier Paten für Hauptschüler der 8. und 9. Klasse vermittelt. Ismail war noch in der 7. Klasse, als er erkannte, dass er Hilfe brauchte, um die Versetzung zu schaffen. Bendel gefiel die Zielstrebigkeit des Jungen. Seit eineinhalb Jahren treffen sie sich einmal die Woche drei Stunden. Sie pauken Mathe und Physik, sprechen über Probleme in der Schule, planen die nächsten Schritte, um Ismails Traum zu verwirklichen: Er will Kfz-Mechatroniker werden.
Ein gelungener Übergang von der Schule in den Beruf - das ist Ziel der Schülerpatenschaften. Die Wege dorthin sind unterschiedlich. Hilfe bei den Schulaufgaben, bei der Suche nach einem Praktikumsplatz oder beim Schreiben von Bewerbungen – „wir machen, was gerade ansteht“, sagt Rainer Bendel. Seit 2009 ist er schon dabei. „Ich arbeite gern mit jungen Leuten“, sagt er. „Sich immer wieder auf Neues einzulassen, hält außerdem jung“, sagt er und lacht. Und nimmt dabei gern in Kauf, wieder Mathebücher zu wälzen.
45 Frauen und Männer engagieren sich derzeit ehrenamtlich als Schülerpaten. Wie viel Zeit jeder investiert, ist ihm überlassen. „Im Schnitt treffen sie sich zwei bis drei Stunden pro Woche mit ihren Patenkindern“, erläutert Yvonne Möller, die das Projekt betreut. Einige habe sogar zwei Patenkinder. „Die meisten sind voll berufstätig“, sagt Möller. Ihr Vorteil: Sie kennen sich mit der Arbeitswelt und ihren Anforderungen gut aus - ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl neuer Freiwilliger.
Die Jugendlichen kommen durch Lehrer und Schulsozialarbeiter zu ihren Paten. Oder sie melden sich wie Ismail selbst. „Ich fühle mich nicht mehr allein mit meinen Problemen“, sagt der Schüler. Vor neun Jahren ist er mit seinen Eltern aus der Türkei nach München gekommen. Mit dem deutschen Schulsystem und seinen Anforderungen sind die Eltern zu wenig vertraut, um dem Sohn helfen zu können. „Das ist bei vielen Familien so“, weiß Möller.
Die Nachfrage nach Paten wächst stetig. Zusammen mit der Bürgerstiftung bündelt Yvonne Möller daher derzeit alle Patenprojekte und ähnliche Initiativen in der Stadt in einem Netzwerk. Im dazugehörigen Internetportal (www.muenchner-schuelerpaten.de) finden Hilfesuchende und Ehrenamtliche schnell Ansprechpartner in der Nähe. (Doris Richter, Kommpakt 03/12)


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