Kultur des Willkommens

Der Flüchtling von nebenan - Gelungene Integration braucht großes Engagement von allen Seiten

Telefonnummern, Daten, Namen. Dutzende von Zetteln hängen an der Pinnwand im Minibüro von Silke Müller-Arevalo. Alles, was man schnell braucht, wenn man Asylbewerber betreut. Zwischendrin ein Foto. Eine junge Turkmenin aus dem Irak, inzwischen mit Aufenthaltserlaubnis. „Sina hatte den besten Hauptschulabschluss ihres Jahrgangs im Landkreis“, erzählt Müller-Arevalo stolz. „Durch Bildung erreiche ich die beste Integration.“ Ohne ehrenamtliche Helfer für Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe wäre es nicht so weit gekommen, sagt die Diplom-Sozialpädagogin vom Caritas Sozialdienst, die die Gemeinschaftsunterkunft in Höhenkirchen-Siegertsbrunn betreut. Etwa 120 Asylbewerber aus 17 verschiedenen Nationen sind hier untergebracht. Flüchtlinge, mit oft unvorstellbaren tragischen Schicksalen, auf engstem Raum, ohne Deutschkenntnisse in einer fremden Kultur. „Integration gelingt nur mit Menschen, die Flüchtlingen wohlwollend gegenüberstehen.“ Silke Müller-Arevalo versucht Verständnis zu wecken, Berührungspunkte zu schaffen, Schwellenängste zu nehmen. Sie macht viel Öffentlichkeitsarbeit, informiert immer wieder über neue Verbindungen. Die Sozialarbeiterin knüpft unaufhörlich an ihrem Integrations-Netzwerk. Begegnungen bringen die Asylbewerber in Kontakt zu Menschen, die im Ort wohnen und sich auskennen, so Müller-Arevalo. Am einfachsten sei es bei Familien mit Kindern. Durch Kindergarten und Schule sind sie in viele Angebote eingebunden. Sie erleben ganz zwanglos, wie Kinder im Umland von München aufwachsen und lernen dabei viel von der Kultur ihrer neuen Umgebung kennen. „Deshalb wollen die Familien nach ihrer Anerkennung am liebsten hier bleiben.“ Ein probates Mittel seien auch kostenfreie Sportangebote, die Kindern und Jugendlichen ein Stück Normalität erleben ließen. Wichtig für die positive Integration von Flüchtlingen sei aber auch der Standort einer Gemeinschaftsunterkunft, findet Silke Müller-Arevalo. Die Kommune, die die
Flüchtlinge aufnehme, dürfe nicht zu klein, aber auch nicht zu anonym sein. Es brauche eine gute Anbindung und am besten Zukunftsperspektiven, wie zum Beispiel Arbeitsplätze, wenn die Menschen einen Aufenthaltsstatus erreicht hätten. Höhenkirchen-Siegertsbrunn sei da ideal. (Carmen Ick-Dietl, Kommpakt-LK 01/13)


Deutschland – meine Heimat?
Erfolgreiche Integration kann man nur gemeinsam schaffen


Zwei Tische, Stühle, eine Couch, Schrank, drei Betten, Herd, Spüle, alles sichtlich Second-hand – die kleine Wohnung in Ottobrunn ist karg eingerichtet. Zwei Erwachsene und fünf Kinder im Alter zwischen fünf und 12 Jahren leben hier, bald kommt noch ein Baby hinzu. Eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak. Die beiden Kleinen gehen in den Kindergarten, die Größeren in Schule und Hort, Vater Adnan Hussein verdient sich mit einem Putzjob im Supermarkt ein paar Euro zur öffentlichen Unterstützung dazu. Seine größte Angst: Wo wird die Familie in Zukunft wohnen? Man weiß, dass die alte Siedlung neben der Bahnschranke in Kürze abgerissen werden soll. Und dass die neue Gemeinschaftsunterkunft am Rand von Putzbrunn noch nicht steht. Das Thema lässt Herrn Hussein keine Ruhe, lähmt ihn geradezu. Vor einem Asylheim fürchtet er sich – vor allem wegen der Kinder. Er würde am liebsten im mittlerweile gewohnten Umfeld bleiben. Dass die Familie im Münchner Südosten bereits Wurzeln geschlagen hat, ist sicher auch dem Helferkreis zu verdanken, der sich in Ottobrunn formiert hat. Rund 30 Menschen kümmern sich um konkrete Probleme der Asylbewerber und fädeln mit Unterstützung der Fachkräfte der Caritas vor Ort entsprechende Hilfen ein. Sie organisieren zum Beispiel Deutsch-Kurse, Mutter-Kind-Gruppen, einen Begleitservice zu Einrichtungen, Ärzten und Schulen, Tipps für günstiges Einkaufen und Freizeit, Kleider- oder Fahrrad-Aktionen. „Kleine Hilfen sind genauso wichtig wie große“, erklärt der Koordinator Diakon Karl Stocker von der Pfarrei St. Magdalena in Ottobrunn. Die Bereitschaft, den Flüchtlingen eine Teilhabe am Leben zu verschaffen, sei groß. Wer offen auf die Fremden zugehe, merke schnell: „Das sind Menschen wie Du und ich.“ Und die seien trotz ihrer Traumata interessiert an den deutschen Verhältnissen. „Alle zusammen bemühen sich umeinander.“ Zum gegenseitigen Kennenlernen braucht es in Stockers Augen noch mehr Information. Die neue Bürgerinitiative „Tolerantes Putzbrunn“ arbeitet deshalb an einem Flyer zur Aufklärung. Es ist auch eine Einladung, sich zu öffnen und eventuelle Ängste zu überwinden. (Carmen Ick-Dietl, Kommpakt-LK 03/13)


Foto: DiCvMuc / Laetitia Vançon
Eine erfolgreiche Schullaufbahn ist der beste Weg zur Integration. Foto: DiCvMuc / Laetitia Vançon

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