Heimat schaffen für alle

Geht´s bitte auch menschlich?

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Politisch Verfolgte genießen Asyl, also Schutz vor Verfolgung, Bleiberecht. Eigentlich. Doch diese Garantien verkommen in der bayerischen Verwaltungspraxis so sehr zu heuchlerischen Floskeln, dass die Freisinger Bischofskonferenz Ministerpräsident Horst Seehofer dieser Tage ernsthaft ins Gewissen geredet hat. Wo bleibt die Würde, wenn Flüchtlinge im überfüllten Sammellager in Zirndorf in Zelten zusammengepfercht werden? Oder wenn die Gemeinde Brunnthal im Landkreis München urplötzlich ihre Liebe zu einem alten, ungenutzten Gasthof entdeckt, damit der ja nicht zur Heimstatt für Flüchtlinge wird? Verfolgte sind menschenwürdig aufzunehmen, zu integrieren, sie brauchen Perspektiven. Das pauschal allen Bewerbern vorzuenthalten, obwohl am Ende etwa die Hälfte ein Bleiberecht erhält, ist unmenschlich. Die Politik muss endlich beherzigen, was die Bischöfe und zuvor das Bundesverfassungsgericht eingefordert
haben: Die Würde des Menschen darf nicht eingeschränkt werden, Essens- und Hygienepakete sowie Sammelunterkünfte sind keine Instrumente der migrationspolitischen Steuerung. Sie sind Unrecht, und fürs reiche Bayern beschämend. (Tom Soyer, Journalist, München, Kommpakt-LK 04/12)


Eine echte Chance auf Zukunft
Das Alveni-Jugendhaus der Caritas betreut unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Die Schicksale ähneln sich immer wieder: Männliche Jugendliche aus Afghanistan, Irak oder afrikanischen Ländern kommen über die grüne Grenze, werden von Schleppern an der Autobahn zwischen Kiefersfelden und Rosenheim abgesetzt oder im Zug aufgegriffen. Sie sind vor Krieg oder Bürgerkrieg in ihren Heimatländern geflohen oder wurden von ihren Familien in das sichere Europa geschickt. Die Polizei klärt dann, wie alt die Jugendlichen sind oder sein könnten: Die unter 16-Jährigen werden von den jeweiligen Jugendämtern in Obhut genommen, die 16- bis 18-Jährigen in der Regel in die Bayernkaserne, eine der beiden Aufnahmestellen in Bayern, gebracht. Die Jugendlichen haben oft eine lange Flucht hinter sich, sind von den Umständen in ihren Heimatländern oder durch die Flucht traumatisiert und weder der deutschen Sprache mächtig noch mit der Kultur vertraut. Für diese Jugendlichen hat die Caritas München im April das Alveni-Jugendhaus eröffnet, eine Jugendhilfeeinrichtung, die auf die speziellen Bedürfnisse und den Betreuungsbedarf eingeht. Alveni bedeutet in der Esperanto-Sprache „Ankommen“. Anfang April konnten die ersten Jugendlichen einziehen. Sie haben oft schon bis zu einem Jahr in einer Erstaufnahmeeinrichtung verbracht. Im Alveni-Jugendhaus im Münchner Stadtteil Fasanerie gibt es zwei Wohngruppen mit sozialpädagogischer Betreuung und zwei Wohngruppen zur Verselbständigung mit insgesamt 47 Plätzen. „Wir sind froh, dass wir mit Unterstützung der Stadt München diese Einrichtung eröffnen konnten, um den jungen Menschen in ihrer sehr schwierigen Lebenssituation eine Perspektive bieten zu können“, sagte Norbert J. Huber, Geschäftsführer der Caritas-Zentren München Stadt/Land. Die Hilfe und Begleitung für Flüchtlinge habe bei der Caritas eine über hundert Jahre lange Tradition. Dieses Angebot sei eingebunden in die Alveni-Flüchtlingshilfe des Caritasverbands und erweitere das Spektrum der Arbeit mit Flüchtlingen. Inzwischen leben 47 Jugendliche in dem Haus. Je nach Deutschkenntnissen können sie bereits in eine normale Schule gehen oder bekommen im Haus einen Intensiv-Kurs mit täglich drei Stunden Unterricht. „Das nächste Etappenziel ist ein bayerischer Schulabschluss“, sagt Jürgen Keil, der Leiter des Hauses. Anschließend werde versucht, den Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu vermitteln. In ihren Wohngruppen erhalten sie Unterstützung von Sozialpädagogen, um gemeinsam ihren Alltag mit Schule, Kochen, Wäsche und Freizeitgestaltung zu organisieren. (Adelheid Utters-Adam, Kommpakt-LH 03/12)

3 Fragen an…Angelika Simeth, Vertreterin der Sozialreferentin derLandeshauptstadt München

Um wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert sich die Stadt München derzeit?
Derzeit erhalten 949 unbegleitete minderjährige und junge erwachsene Flüchtlinge Leistungen der Jugendhilfe durch das Stadtjugendamt München. Ca. 900 von ihnen sind in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe untergebracht oder im Rahmen des § 42 SGB VIII in Obhut genommen. Ein kleinerer Teil erhält ambulante Jugendhilfeleistungen.

Welche Probleme stellen sich für die Stadt?
Die Landeshauptstadt München leistet seit Jahren einen Großteil der bayernweiten Inobhutnahmen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, im Jahr 2011 waren es 77 Prozent. Aufgrund dieses hohen Anteils stehen in München seit Jahren nicht ausreichend Jugendhilfeplätze zur Verfügung, um den Jugendlichen schnell eine Alternative anbieten zu können. Das Stadtjugendamt schafft in Kooperation mit den freien Trägern der Jugendhilfe und in Zusammenarbeit mit dem Freistaat seit Jahren stetig neue Plätze.

Was wünschen Sie sich für den Umgang mit diesen jungen Menschen?
Dass sie hier ein Umfeld finden, in dem sie sich gut entwickeln können. Viele dieser
Jugendlichen sind hochmotiviert, ehrgeizig und bildungsorientiert und wollen schnell die deutsche Sprache sprechen und sich eine Zukunft in Deutschland aufbauen. Wir müssen ihnen eine echte Chance geben. (Angelika Simeth, Kommpakt-LH 03/12)


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