Die Veranstaltung wurde von der Wanderausstellung Only Human begleitet.
Die Veranstaltung wurde von der Wanderausstellung Only Human begleitet.
München, 26. März 2019.

Caritas-Fachtag zum Thema Würde

„Wir setzen uns ein für eine solidarische Gesellschaft, in der alle Menschen einen Platz haben und sind da für diejenigen, die ausgegrenzt sind und deren Würde nicht anerkannt wird.“ Das sagte Diözesan-Caritasdirektor Georg Falterbaum bei einer Veranstaltung der Psychosozialen AIDS-Beratungsstelle der Caritas gestern in der Karmeliterkirche in München. Wer sich seiner eigenen Würde bewusst sei, behandle auch seinen Nächsten würdevoll. Bei der Podiumsdiskussion zum Thema „In Würde leben, einander in Würde begegnen“ betonte Bayerns Sozialstaatssekretärin Carolina Trautner, dass sie in der Kommunikationskultur gerade der sogenannten modernen oder sozialen Medien manchmal die Respekt- und Würdelosigkeit auch oder gerade gegenüber Politikern erschrecke: „Umso wichtiger halte ich es, dass schon früh im Elternhaus auf einen achtsamen Umgang auch in der Sprache besonderer Wert gelegt wird.“

Hoher Selbstanspruch
„Wir haben einen hohen Anspruch an uns, allen Menschen – vom Kind über den Asylbewerber und den Schuldner bis hin zu Pflegebedürftigen – mit Würde zu begegnen“, sagte Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier. Angesichts der begrenzten Mittel für die Beratung und Begleitung der Menschen in den Ankerzentren und den menschlich unwürdigen Lebenssituationen dort, wünsche sie sich eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung. Sie dankte dem Erzbistum für seine Zuschüsse im Asylbereich. Generalvikar Peter Beer bedauerte, dass auch in der Kirche Würde massiv verletzt worden sei. „Kirche muss erst im eigenen Bereich etwas tun,um die Würde von Menschen zu schützen, bevor sie es von anderen einfordert. Zum Missbrauchsskandal sagte er: „Es beschämt mich sehr, für eine Institution gerade zu stehen, in der solche Dinge geschehen sind.“

Was bedeutet Würde?
Wie werden wir uns unserer Würde bewusst? Was macht ein würdevolles Miteinander aus? Wie schützen wir uns vor würdelosem Verhalten? Wie stärken wir unsere Gesellschaft? Diese Fragen wurden von renommierten Expert(inn)en und Publikum lebhaft diskutiert. „Wir begleiten Menschen, die täglich mit ihrer Umwelt gegen Stigmatisierung und Diskriminierung um ihre Würde kämpfen“, erklärte Regina Lange-Rönning. Die Leiterin der Caritas-AIDS-Beratungsstelle erzählte von einem an AIDS verstorbenen Klienten, der von der „täglichen Angst vor der Angst der anderen“ gepeinigt wurde. „Wir finden keinen stationären Platz für einen an HIV erkrankten Familienvater, der sich jahrelang aus Scham nicht hat testen lassen oder für eine obdachlose Frau“, schilderte die Psychologin aus ihrer täglichen Praxis.

Wir müssen reden
Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal aus Berlin berichtete von den Gräueltaten gegenüber jesidischen oder christlichen Mädchen und Frauen in IS-Gefangenschaft: „Ich zeige auf, was Menschen mit Menschen machen. Wenn der Pfad der Mitmenschlichkeit verlassen wird, dann wird es ganz, ganz finster. Wir leben in einer Wertegemeinschaft, wo es gilt die Freiheit zu verteidigen und die Würde der Menschen zu schützen, die hilfsbedürftig sind.“ Egal, ob AIDS oder Missbrauch, das Unrecht werde größer, wenn es verschwiegen wird. „Wo kein Opfer, da kein Täter – warum wir schweigen“ hieß der Vortrag von Sandra Konrad, der sich vor allem mit Gewalt gegen Frauen in „epidemischen Ausmaß“ beschäftigte. „Jeden zweiten bis dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner getötet, über Einhunderttausend werden Opfer von partnerschaftlicher Gewalt und jede zweite Frau erfährt sexuelle Belästigung im Laufe ihres Lebens.“ Gewalttäter seien zu 90 Prozent männlich und fast 100 Prozent der sexuellen Übergriffe gingen auf das Konto von Männern. „Wir sprechen darüber, wie viele Frauen im letzten Jahr vergewaltigt wurden, aber nicht darüber, wie viele Männer Frauen vergewaltigt haben“, erläuterte die Therapeutin und Autorin aus Hamburg. Diskriminierende Machtstrukturen seien möglich, weil sie von Schweigen gedeckt würden. „Wir schweigen, weil Gewalt gegen Frauen immer noch als Bestandteil unserer Kultur gilt.“ Eine Gesellschaft, in der „behindert, schwul, Gutmensch oder Opfer als Schimpfwörter gelten, hat ein Problem“, zitierte Konrad eine Kollegin. „Würde hat keine Klasse und keine Rasse, keine Religion, keine Nationalität und sie hat kein Geschlecht“, so ihr Fazit.

Selbstbestimmung ist wichtig
Der Leiter des Fachbereichs Praktische Theologie der Universität Salzburg, Anton A. Bucher, zeigte in seinem historischen und philosophischen Ausblick  „Fast alles können wir verschmerzen: Aber nicht den Verlust der Würde“, was Menschen tun, um ihre Würde zu bewahren. „Würde ist niemals käuflich. Menschen können Ehre und Achtung verlieren, aber niemals an Würde. Wir Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Selbstachtung, aber auch nach Selbstbestimmung“, postulierte der Professor. „Wie wir mit unseren Kindern interagieren und sie erziehen, ist sehr beeinflusst von unseren eigenen Kindbildern.“ Jedes Kind habe das Recht, so zu sein, wie es ist. Ungerechtigkeiten empfänden besonders Kinder als Angriff auf ihre Würde.

Arbeit an der Selbstachtung
Thomas Steinforth vom Zentrum für globale Fragen an der Hochschule für Philosophie in München, referierte zum Thema „Ausgrenzung und Selbstachtung“ und das Wissen darum, wer, was und wie man sei und was einem zustehe. „Selbstachtung ist das Wissen um die eigene Würde. Ich bin mir meines Wertes und meiner Würde bewusst. Ohne stabile Selbstachtung bin ich in Gefahr, alles mit mir machen zu lassen“, erklärte der Dozent. Um diese Selbstachtung aufrecht zu erhalten, brauche der Mensch Schutz vor negativen Erfahrungen wie Demütigung, Verachtung oder Ausgrenzung ebenso wie positive Erfahrungen wie Anerkennung, Wertschätzung und Förderung.

Verletzungen von Würde
„Wir sind beruflich gut ausgestattet, um Menschen, die verletzt und verloren sind, ihre Würde wieder zurückzugeben“, meinte Hans Jäger, ärztlicher Leiter im Medizinischen Versorgungszentrum am Karlsplatz und HIV-Schwerpunktarzt in München. Spannend sei für ihn die Frage nach der Würde von Menschen, die andere in ihrer Würde verletzt hätten. Jäger berichtete von einem jungen Mann, der mit typischen HIV-Symptomen wie Fieber und Lungenentzündung ins Krankenhaus kam und vergeblich mit Antibiotika behandelt wurde. Er verstarb auf der Intensivstation, weil er nicht gewagt hatte zu sagen, dass er bisexuell sei. Hier ergänzte Susanne Kurz, Filmemacherin und Mitglied des Bayerischen Landtags: Man müsse schon in den Kindertagesstätten und Schulen die Mädchen und Buben in punkto Würde stärken und ihnen sagen: „Du bist vielleicht anders als andere, aber Du bist okay, so wie Du bist.“ (mmr)