Margot Wagenhäuser, Leiterin Therapieverbund Sucht München (links) mit Expertenteam.
Margot Wagenhäuser, Leiterin Therapieverbund Sucht München (links) mit Expertenteam.
München, 24. Oktober 2019.

„Substitution muss raus aus der Schmuddelecke“

Die Substitutionsbehandlung existiert in Deutschland bereits seit rund 30 Jahren und hat sich in der Behandlung Opiatabhängiger als Mittel der Wahl bewährt. Da sich gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen sowie die Konsummuster der Betroffenen jedoch immer wieder verändern, ist es notwendig, diesen stetigen Wandel in der Behandlung zu berücksichtigen. Mediziner, Suchttherapeuten und Sozialpädagogen stehen immer wieder vor der Herausforderung, ihr Fachwissen dementsprechend zu ergänzen. Mit dem Fachtag „Substitution – so beständig wie der Wandel!?“ am 23. Oktober 2019 war es der Caritas Fachambulanz für substitutionsgestützte Behandlung ein Anliegen, diesem Bedarf Rechnung zu tragen. 80 Fachkräfte aus der Suchthilfe nutzten die Chance, sich mit aktuellen Entwicklungen rund um diesen wichtigen Behandlungsansatz zu beschäftigen.

Zentrale Themen
Vier Experten setzten die inhaltlichen Schwerpunkte des Fachtags. Professor Dr. Markus Backmund vom „Praxiszentrum im Tal“ referierte über den Umgang mit medizinischem Cannabis im Rahmen der Substitutionsbehandlung. „Opiatkonsumenten mit Beikonsum von Cannabis benötigen weniger hohe Opiatdosen“, so Backmund. „Cannabis reduziert den Suchtdruck nach Heroinbeikonsum in der Substitution.“ Erfahrungen im Umgang mit neuen Substitutionsmitteln schilderte Dr. Gabriele Koller von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität: „Die Vergabe von Substitol kann in jeder Substitutionspraxis realisiert werden. Substitol ist einen Versuch wert, wenn der Patient mit anderen Substitutionsmitteln nicht von seinem Heroinkonsum loskommt.“ Ergebnisse der psychosozialen Therapie in der Substitution präsentierte Dr. Heinrich Küfner, der vor seinem Renteneintritt beim Institut für Therapieforschung gearbeitet hat: „Die psychosoziale Betreuung Substituierter ist auch ohne gesetzliche Verpflichtung ein notwendiger Bestandteil der Behandlung und verbessert deren Erfolg signifikant.“ Darüber hinaus sei die therapeutische Beziehung der wichtigste Wirkfaktor in der psychosozialen Betreuung Substituierter. Dr. Andreas Hinum vom Klinikum München Ost antwortete auf die Frage „Wie sieht die Substitutionsbehandlung der Zukunft aus?“: „Die Substitution muss raus aus der Schmuddelecke und rein in ein wissenschaftlich fundiertes Therapiekonzept.“ Dringend ändern müsse sich auch, dass der Substitutionsarzt häufig als „Dealer in Weiß“ betrachtet werde. Auf ein weiteres Zukunftsproblem macht Hinum aufmerksam: „Viele Substitutionsärzte stehen kurz vor der Rente. Es droht ein massiver Versorgungsengpass.“  

Therapieform erreicht Hälfte der Betroffenen 
Der aktuelle Hintergrund: Die Abhängigkeit von Opiaten, wie Heroin, ist in Deutschland nach Nikotin und Alkohol für die meisten Drogentoten verantwortlich. Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es derzeit zwischen 160 000 und 170 000 opiatabhängige Menschen. „Aufgrund der Illegalität des Konsums scheuen viele Abhängige eine Behandlung“, erklärt Caritas-Suchttherapeut Rüdiger Krause. „Mit der Substitutionsbehandlung, also der ärztlich kontrollierten Vergabe von Ersatzstoffen wie zum Beispiel Polamidon oder Buprenorphin gelingt es, etwa die Hälfte der Betroffenen zu erreichen.“ Dabei werde die medizinische Behandlung im Idealfall mit flankierenden Maßnahmen wie einer psychosozialen Betreuung und/oder therapeutischen Unterstützung kombiniert. „Ziel ist es, die Suchtmittelabhängigkeit sowie körperliche und psychische Begleiterkrankungen zu behandeln. Zudem sollen Betroffene bei der gesellschaftlichen Reintegration unterstützt und, wenn möglich, auf dem Weg in ein drogenfreies Leben begleitet werden“, so Krause weiter.

Terminvorschau auf 2020
Auch im kommenden Jahr bietet der Caritas Therapieverbund Sucht beispielsweise im Rahmen der Reihe „Medizin am Abend“ weitere Veranstaltungen für Fachpersonal, Angehörige und Betroffene an. Infos zu den Veranstaltungen und zu unseren Behandlungsangeboten finden Sie unter www.caritas-therapieverbund-sucht.de. (rk/var)