(von links nach rechts): Egon Endres, Sr. Monika Plank, Anita Niedermeier, Ursula Heller, Georg Falterbaum, Uschi Glas, Kardinal Reinhard Marx und Barbara Igl.
München, 29. November 2019.

Erste Katholische Armutskonferenz München

Zur ersten Katholischen Armutskonferenz hat gestern (28. November) der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. gemeinsam mit seinen Fachverbänden wie IN VIA München, Sozialdienst katholischer Frauen München e.V., Katholischer Männerfürsorgeverein München e.V. und der Obdachlosenhilfe St. Bonifaz in den Veranstaltungssaal des Salesianums in München eingeladen. Moderiert wurde die Konferenz mit 120 Teilnehmenden von Ursula Heller.

Vision: Armut soll zur Ausnahme werden
„Jeder sechste Münchner lebt in relativer Armut“, macht IN VIA-München-Vorständin Barbara Igl in ihrem Impulsreferat deutlich. „Aber es geht nicht um Zahlen, sondern um die Menschen mit ihren Geschichten und Schicksalen.“ Gerade im teuren München würden viele Menschen merken, dass Armut auch sie betreffen kann. „Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Armut ein Teil unserer Gesellschaft ist und die Schere immer weiter auseinander geht“, appelliert sie und ergänzt, „ich wünsche uns die Vision einer Gesellschaft, in der Armut eine Ausnahme ist und gut aufgefangen wird, in der alle vom Wohlstand profitieren und das gesellschaftliche Leben aktiv mitgestalten.“ 

Film macht Armut in München deutlich
Worte, deren Bedeutung noch mehr Tragweite erhalten, nachdem die Konferenzteilnehmer vom Schicksal einer älteren Frau erfahren, die so wenig Geld hat und so sparsam geworden ist, dass sie inzwischen fast keinen Hunger mehr hat. Um trotzdem über die Runden zu kommen, geht sie in München Flaschen sammeln. Täglich ist sie sechs Stunden zu Fuß mithilfe eines Gehstocks und eines Rollators unterwegs. Das bringt ihr 100 bis 300 Euro im Monat. Als sie mit dem Flaschensammeln anfing, schämte sie sich noch, inzwischen nicht mehr. „Es tut mir gut“, sagt sie. Ihre Geschichte und die anderer Betroffener haben Studenten der Katholischen Stiftungshochschule München aufgenommen und mit szenischen Eindrücken aus der Landeshauptstadt zu einem Film gemacht. Dieser führt vor Augen, was es für den Einzelnen bedeuten kann, in München arm zu sein. 

Wir müssen handeln!
In der anschließenden Podiumsrunde wird schnell deutlich, dass sich die Lage in München sogar verschärft. „Die prekären Lebensverhältnisse nehmen zu“, sagt Kardinal Reinhard Marx und mahnt: „Unsere Gesellschaft wird nicht zukunftsfähig sein, wenn wir diese weiter wachsen lassen.“

Podiumsteilnehmer berichten von Armut und ihrer Arbeit
Schwierige Lebensverhältnisse für Menschen in München kann auch Diözesan-Caritasdirektor Georg Falterbaum beobachten: „Armut ist für unsere Dienste kein Saisongeschäft. Immer mehr Menschen kommen zu uns in die Beratung und in die Alten- und Servicezentren.“ Schauspielerin Uschi Glas berichtet davon, wie sich der Trend auf Kinder auswirkt. Sie hat vor zehn Jahren den Verein „brotZeit“ gegründet, der unter anderem an Münchner Grund- und Förderschulen Kinder mit Frühstück versorgt. Dort werden jährlich 25.500 Portionen ausgeliefert. Täglich besuchen rund 1.100 Schüler das Frühstück. „Manche werden ohnmächtig, weil sie total unterzuckert sind. Das ist doch kein Start in den Tag“, so Glas. Durch ihr Engagement, begegnet die Schauspielerin Kindern, die durch ihr Projekt zum ersten Mal zum Essen richtig am Tisch sitzen, erst üben müssen mit Messer und Gabel zu essen und auch, dass sie „Guten Morgen“ sagen oder sich einen „Guten Appetit“ wünschen. Erfahrungen, die zeigen, wie Armut bereits im Kindesalter diskriminieren kann. Sie berichtet auch von den helfenden Seniorinnen, die sich um das Frühstück kümmern. „Sie machen das gerne, haben viel Freude dabei, sind aber gleichzeitig auf die Geld, das es dafür gibt, angewiesen.“  

Anita Niedermeier, Geschäftsführerin des SZ-Adventskalenders, weiß auch, wie schnell Menschen im Großraum München in die Armut abrutschen. Sie betont, dass die Auslöser ganz alltäglich sein können. Das können Schulden, Krankheit oder der Tod eines Familienmitglieds sein. „Wir verteilen jährlich 3000 Lebensmittelpakete im Wert von jeweils 100 Euro in München und dem Landkreis.  Da achten wir darauf, dass besondere Nudeln oder teureres Öl dabei ist.“ Die Dankesbriefe seien überwältigend. „Eine Alleinerziehende schrieb uns, dass sie ihre Freundinnen zum Geburtstag einladen und aus den Zutaten ein Drei-Gänge-Menü kochen konnte.“ 

„Es brauchen viele unsere Hilfe“, unterstreicht auch Sr. Monika Plank, von der Ordensgemeinschaft „Caritas Socialis“, die sich unter anderem in St. Bonifaz und der Nachbarschaftshilfe im Pfarrverband München-Westend für Menschen in Not einsetzt. „Ich freue mich, wenn ich wieder auf die Beine helfen und Würde zurückgeben kann.“ Das gelinge nicht immer, es gäbe auch Grenzen. Kardinal Marx macht ein weiteres Problem von Armut deutlich: „Die, die einmal drin sind, bleiben oft drin.“ 

Wünsche und Appelle
Auf der Konferenz ging es auch um Lösungsansätze. Sozialwissenschaftler Egon Endres wünscht sich von den Kirchen als ein sozialer Ort, dass sie ihre Räume nutzbarer machen. Auch an die TV-Medien appelliert er: „Abends nicht nur den Börsenbericht zeigen, sondern auch den Sozialindex der Wohlfahrtsverbände.“ Zusätzlich plädiert er dafür, die freie Wirtschaft stärker in die Armutsbekämpfung einzubeziehen: „Wenn sie das Thema nicht im Blick haben, gefährden die Firmen ihre eigenen Grundlagen.“ Andere Teilnehmer vermissen das Engagement der Zivilbevölkerung. „Die Mehrheitsbevölkerung möchte nicht täglich mit Armut konfrontiert werden“, äußert Marx und nimmt auch die Erzdiözese in die Pflicht: „Bei der Schaffung von Wohnraum für Arme und auch für kirchliche Mitarbeiter müssen wir uns sehr viel mehr anstrengen.“ 

Ergebnisse sollen nicht in der Schublade verschwinden
In den anschließenden vier Workshops vernetzten sich die Akteure aus Kirchen, Vereinen und Verbänden und beschäftigten sich tiefer mit möglichen Lösungsansätzen. Konkret ging es um den Aufbau eines Aktionsbündnisses, die Frage, wo das Hilfssystem nicht greift und welche Unterstützung seitens der Kommunalpolitik wünschenswert wäre. Es ging um Impulse für innovative Hilfsangebote und darum, was Fachkräfte brauchen, um sich München leisten zu können. Herausgekommen sind viele Ideen, für deren Realisierung es auch die Politik braucht. Die Ergebnisse sollen jetzt ausgewertet und sozialpolitische Forderungen formuliert werden. Zusätzlich ist geplant, die Erkenntnisse in die Münchner Armutskonferenz 2020 einzubringen.  (var)