Sozial- und gesellschaftspolitische Akteure: Caritas-Präsident Neher (Mitte) mit Vorstandsteam.
Sozial- und gesellschaftspolitische Akteure: Caritas-Präsident Neher (Mitte) mit Vorstandsteam.
München, 17. Januar 2020.

Feuer und Flamme für die Nächstenliebe

„Caritas ist politisch. Als Anwalt aller, die in Not sind, müssen wir den Finger in die Wunde legen.“ Mit diesem Statement machte Diözesan-Caritasdirektor Georg Falterbaum gleich zu Beginn des diesjährigen Spitzenverbandlichen Jahresauftakts des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising (DiCV) deutlich, wie wichtig die Rolle der Caritas als sozial- und gesellschaftspolitischer Akteur ist. In den Strukturen vor Ort, wo der Lebens- und Sozialraum der Menschen gestaltet werde, habe die Caritas mit ihrem christlichen Auftrag eine besondere Verantwortung: Als Anwalt für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen, als Solidaritätsstifter und als Dienstleister im Sozialraum.

Caritas-Themen-Schwerpunkte 2020

Exakt zwei Monate vor den Kommunalwahlen in Bayern definierte Falterbaum die vier zentralen Themen des DiCV für die politische Agenda: Armut und Wohnen, Kinderbetreuung und Ehrenamt. „Themen, die alle Menschen betreffen“ und immer wieder in die Öffentlichkeit getragen werden müssten, so Falterbaum. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum sei „ein, wenn nicht der Armutsfaktor“ im Ballungsraum München und Oberbayern. „Wohnen ist ein Grundrecht, und das nicht nur zu Wahlkampfzeiten“, adressierte Falterbaum an die politisch Verantwortlichen und forderte mehr Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau. Prälat Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes (DCV), unterstützte Falterbaum und warnte: „Wenn die Zusammensetzung von Quartieren zunehmend durch den Geldbeutel bestimmt wird, führt dies zu einem Auseinanderdriften von Milieus und schwächt den Zusammenhalt.“ Eine solche Dynamik könne leicht zum Nährboden für extreme Positionen werden.

Die Kommunen müssten sich viel stärker für gleichwertige Lebensverhältnisse einsetzen, damit Armut keine Alltagsrealität werde. Auch die Qualität der Kita dürfe nicht vom Geldbeutel und der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Kommune abhängen, fuhr Falterbaum fort. „Wir brauchen ganz generell eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung aller Kindertageseinrichtungen“, postulierte der Caritasdirektor. Nur so könnten gerade Kinder mit Behinderung und Förderbedarf, aber auch Kinder mit Fluchthintergrund am Leben in einer Kita gleichberechtigt teilhaben. Eine größere Anerkennungskultur verlangte Falterbaum für das ehrenamtliche Engagement, ohne das die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben kaum möglich wäre. Das Ehrenamt dürfe nicht missbraucht werden für unerledigte staatliche und kommunale Aufgaben oder zum Ersatz professioneller hauptamtlicher Erwerbsarbeit, so Falterbaum.

Zentrale Caritas-Aufgaben verändern sich nicht
DCV-Präsident Neher, hob in seinem Impuls ebenfalls auf die politische Rolle der verbandlichen Caritas ab. Schon die Gründung des DCV im Jahr 1897 habe einen politischen Hintergrund gehabt, nämlich die zunehmende soziale Ungerechtigkeit. So sei die Caritas nicht nur in ihren Anfangsjahren „der Dampf in der sozialen Maschine“ gewesen, griff Neher ein historisches Zitat von Prälat Lorenz Werthmann auf. Die zentralen Aufgaben der Caritas gälten damals wie heute: Missstände aufgreifen, Lösungskonzepte einfordern und mitentwickeln sowie politische Willensbildung um der Menschen willen mit zu prägen. Die Digitalisierung ergänze die realen Netzwerke, daher seien die Caritasverbände immer wieder gefordert, sich anzupassen und neue Räume der Beteiligung zu schaffen. 
Gesellschaftlich um soziale Gerechtigkeit zu ringen, bedeute, die Stimme der Betroffenen einzubinden. Von daher „heißt solidarisch zu sein eben nicht nur zu helfen, sondern auch zu unterstützen und zu befähigen“, bekräftigte Neher. Freie Leistungserbringer wie die Caritasverbände verfügten über umfassende Kenntnisse von Bedürfnissen, Nöten und Schwachstellen der gesetzlichen Regelung. Dadurch können sie wichtige Beiträge leisten, um Lösungen zu entwickeln. „Auch dies gilt es gegenüber politischen Vertretern immer wieder deutlich zu machen“, unterstrich der Caritas-Präsident. (beb)