Menschen wärmen sich im D3 auf
München, 20. Februar 2020

Ein Ort zum Da-Sein

Stadt, Caritas und Fachverbände loben den guten Start des Begegnungszentrums für Menschen mit erhöhtem Alkoholkonsum. Dolmetscher, Brotzeit, Spiele und Sozialarbeiter gesucht.
 
 Das Begegnungszentrum D3 in der Dachauerstraße 3 ist „ein Ort zum Da-Sein für Menschen, die oft mehr Probleme haben als den Alkohol“, beschreibt Diözesan-Caritasdirektor Georg Falterbaum beim gemeinsamen Besuch der Einrichtung mit Sozialreferentin Dorothee Schiwy die Zielsetzung. Nach dem Alkoholverbot am Münchner Hauptbahnhof im Sommer 2019 hatte die Stadt München im Juli 2019 die Einrichtung ausgeschrieben. Sozialreferentin Dorothee Schiwy: „Wir sind mit der Anlaufstelle für wohnungslose Menschen direkt in Bahnhofsnähe einen großen Schritt nach vorne gegangen und wir sind sehr froh, dass die Caritas mit ihrer Idee den Zuschlag erhalten hat.“ Besonders beeindruckend sei, dass die betroffenen Menschen in allen Belangen beraten werden können, ohne große Hürden überwinden zu müssen. „Die Einrichtung wird vor Ort sehr gut angenommen. Es ist für uns als Stadt München wunderbar, dass die Caritas hier mit ganz viel Herzblut eingesprungen ist,“ resümiert Dorothee Schiwy.
 
D3-Team ist da für Menschen, die keiner so richtig haben will
Seit 9. Dezember 2019 hat das Begegnungszentrum in den Räumen des Diözesan-Caritasverbands montags bis freitags zunächst vier, dann sieben Stunden geöffnet. Kamen anfangs täglich 18 bis 20 Besucher/-innen, sind es inzwischen durchschnittlich 125 Personen. „Der Treffpunkt ist stärker gefragt, als ich es erwartet habe“, bestätigt Einrichtungsleiter Winfried Gehensel. Er sei nach 30 Jahren in der Suchthilfe zur Caritas gekommen, um wieder direkt im Dienst am Nächsten zu arbeiten. „Für Menschen, die Mühe haben, Hilfe zu bekommen und anzunehmen und die eigentlich keiner so richtig haben will“, erläutert der Sozialpädagoge. Das D3 sehe er als Schaltstelle, um in Kontakt mit den Menschen zu kommen. „Sie machen sich eine heiße Suppe, spielen Karten, malen Mandalas oder ruhen sich aus“, erzählt er aus dem Alltag. Mitgebrachtes Bier oder Wein dürfen sie legal konsumieren, Hochprozentiges ist verboten. Die Mitarbeiter/-innen des D3-Teams achten darauf, dass die Besucher/-innen die Hausordnung einhalten.
 
Besucher/-innen spielen Karten, malen Mandalas oder ruhen sich aus
„Grenzen setzen ist sehr wichtig, damit sie Vertrauen fassen. Und Vertrauen ist die Basis für Kontakt und Begegnung“, erklärt Gehensel. Erst nach und nach brächten die Besucher/-innen ihre Anliegen vor. Die Sozialarbeiter/-innen hörten zu, fragten nach und versuchten gemeinsam Lösungen zu finden. Etwa 60 Beratungsgespräche habe das D3-Team schon geführt. Die Menschen hätten Fragen zu Wohnen und Arbeit, zu ihren Papieren und zur Aufenthaltsdauer. Sie bitten um Kleidung oder um Hilfe bei Schwangerschaft, beim Formulare ausfüllen oder im Kontakt mit dem Jobcenter. Dazu habe das D3 schon fünf Notarztfälle wegen gesundheitlicher Beschwerden zu verzeichnen. Bei Streit deeskalierten die Mitarbeiter/-innen und die beiden stets anwesenden Kollegen von der Security. Im Team arbeiten Sozialpädagogen/-innen, eine Krankenschwester und eine Altenpflegerin zusammen. „Dem höchstengagierten Team wird tagtäglich sehr viel abverlangt“, lobt Falterbaum.
 
Enge Zusammenarbeit von Caritas und Fachverbänden
Die Caritas und ihr Therapieverbund Sucht arbeiten im D3 eng mit ihren Fachverbänden im Bereich der Wohnungslosenhilfe zusammen: mit dem Katholischen Männerfürsorgeverein (KMFV), dem Sozialdienst Katholischer Frauen München (SKF) und mit IN VIA München inklusive Bahnhofsmission sowie mit dem Kreuzbund, einer Selbsthilfeorganisation der Suchthilfe. „Gerne bringen wir die Erfahrungen in der niederschwelligen Arbeit sowie die spezifischen Kenntnisse und Hilfsangebote der Bahnhofsmission in die Arbeit der neuen Einrichtung ein“, erklären Barbara Igl, Vorstand IN VIA, und Bettina Spahn, Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission. „Bereits in den ersten Wochen zeigt sich, dass die enge Verbindung des neuen Begegnungszentrums D3 mit der Bahnhofsmission durch die Fachberatungsstelle der Zielgruppe zu Gute kommt.“ Ludwig Mittermeier, Vorstand des KMFV, freut sich, „dass wir die Besucherinnen und Besucher des Begegnungszentrums D3 mit unserer Fachberatung „Wohnen und Arbeit“ beraten und unterstützen können.“

Stadt München bezuschusst Begegnungszentrum
Die Stadt München bezuschusst das Begegnungszentrum mit jährlich 1,4 Millionen Euro für Personal- und Sachkosten, die Caritas bringt Eigenmittel von etwa 60.000 Euro ein. Das Fachpersonal kommt mit sieben Vollzeitstellen von der Caritas und mit drei Vollzeitstellen von den Fachverbänden.  Doch erst, wenn alle Stellen besetzt sind, kann das D3 wie geplant zehn Stunden täglich öffnen. „Es ist extrem schwer, auf dem ohnehin schon leergefegten Markt gutes Personal zu finden, das den schwierigen Arbeitsbedingungen gewachsen ist“, betont Falterbaum mit Blick auf den Alkohol- und Nikotinkonsum der Besucher/-innen sowie erhöhter Kontrollarbeit und möglicher Aggressivität. Potenzielle Bewerber/-innen springen vielfach wegen zu geringer Bezahlung ab. Falterbaum appelliert an die Sozialreferentin, „allen Beschäftigten in dieser besonderen Einrichtung eine höhere Eingruppierung zu gewähren als in der sozialen Arbeit oder im pflegerischen Bereich üblich.“ Die Stadt selbst zahle ihren Mitarbeitenden schließlich in Bereichen „mit intensivem oder erschwertem Parteiverkehr“ Sonderboni oder Stresszulagen. Dies könne man im D3 ebenfalls gut vertreten.

Menschenwürdiger Platz im Sinne des Caritas-Patrons Pater Rupert Mayer
An manchen Tagen müssten schon Besucher/-innen abgewiesen werden, da nur 78 Sitzplätze zur Verfügung stünden, berichtet Einrichtungsleiter Gehensel.  Die Menschen schliefen in der Bayernkaserne oder auf der Straße. Im D3 könnten sie sich tagsüber aufhalten. „Für die mitgebrachten Tütensuppen bekommen sie heißes Wasser. Im besten Fall fassen sie Vertrauen und ziehen sich mit einem Sozialpädagogen oder einer Sozialpädagogin zu einem persönlichen Beratungsgespräch in ein kleines Zimmer zurück.“
 
Caritasdirektor Falterbaum wird ehrenamtlich in D3 hospitieren
Ganz im Sinne des Caritas-Patrons Pater Rupert Mayer, der sich persönlich für die Ärmsten der Armen eingesetzt hat, erhofft sich Caritasdirektor Falterbaum von dem Angebot, „dass es einen menschenwürdigen Platz für Menschen schafft, die am untersten Rand der Gesellschaft leben“. Es gehe darum, diesen Menschen respektvoll zu begegnen. Mit der Caritas-Leitlinie „Nah. Am Nächsten“ warb er für Hospitationen von Kolleginnen und Kollegen in der Caritas-Zentrale und kündigte an, „auch ich werde mich ehrenamtlich stundenweise zur Verfügung stellen“.