Diözesan-Caritasdirektor Falterbaum und Verbündete fordern eine Politik gegen Ausgrenzung.
München, 27. Februar 2020.

„Weltstadt an der Isar verliert ihr Herz“

Zweieinhalb Wochen vor den Kommunalwahlen in Bayern positioniert sich der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. zu den Themen Armut, Wohnen, Kinderbetreuung und Ehrenamt und fordert von den Volksvertretern eine Sozialpolitik, die diesen Namen auch verdient: „Gerade im Großraum München mit seinen exorbitant steigenden Bau- und Mietpreisen rutschen immer mehr Normalverdiener und Familien in prekäre Situationen“, monierte Diözesan-Caritasdirektor Georg Falterbaum heute bei der Vorstellung der Caritas-Jahreskampagne 2020 in den Räumen der Caritas München Mitte. Mit finanziellen Nöten kämpften auch immer mehr Seniorinnen und Senioren sowie jüngere Mitbürger, beklagte Falterbaum. „Unsere Lebensmitteltische und Kleiderkammern haben einen Zulauf wie nie. Wir verlangen mit Blick auf unsere tausenden Klientinnen und Klienten eine Politik gegen soziale Ausgrenzung.“
 
Maßnahmen gegen Wohnungsnot
Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum betreffe inzwischen nicht nur Obdachlose, Flüchtlinge, Migranten, Alleinerziehende, Familien, Rentner/-innen und Menschen mit Behinderung, sondern zunehmend auch junge Menschen sowie Fachkräfte im sozialen Bereich, die sich wegen nicht bezahlbarem Wohnraum und teuren Lebenshaltungskosten dann lieber für einen Arbeitsort außerhalb von München entscheiden würden. „Wir brauchen dringend eine groß angelegte Wohnungsbauoffensive. Der Anteil an öffentlichen, gemeinnützigen und genossenschaftlichen Wohnungen muss rapide steigen“, forderte der Caritasdirektor eindrücklich. Noch mehr Engagement und Anstrengung von Politik, Wirtschaft und Zivilbevölkerung im Kampf gegen Armut wünscht sich Falterbaum –  auch mit Blick auf innovative Hilfsangebote, wie das Caritas-Begegnungszentrum für Menschen mit erhöhtem Alkoholkonsum gleich am Münchner Hauptbahnhof.
 
Junger Azubi lebt im Caritas-Wohnheim
„Im Februar 2017 habe ich angefangen, eine Wohnung in München zu suchen. Vergeblich. Ein WG-Zimmer kostete schon mindestens 600 Euro. Als ich dann im August im Caritas-Jugendwohnheim an der Hiltenspergerstraße in München-Schwabing einziehen konnte, fiel mir ein Stein vom Herzen“, erzählt Tobias Zielona. Im September habe er dann seine Ausbildung zum Investmentfonds-Kaufmann angefangen und sei mit seiner Vergütung von rund 700 Euro netto halbwegs gut hingekommen, so der 24-Jährige. Der Diözesan-Caritasverband unterhält im Stadtgebiet drei Jugendwohnheime mit rund 600 Plätzen.
 
Mehr Qualität in der Kinderbetreuung/Kritik an München-Zulage
Auch im Bereich der Kindertagesbetreuung gäbe es noch viel zu tun, ergänzte Falterbaum. „Wir plädieren für einen empfohlenen Anstellungsschlüssel von 9:1, die Freistellung der Leitungen für Führungsaufgaben, einen Rechtsanspruch auf qualitative Ganztagesbetreuung für Grundschulkinder, mehr Plätze für die Ausbildung von Erziehern/-innen und grundsätzlich eine bessere Vergütung sozialer Berufe.“ Zudem fordere der Diözesan-Caritasverband 290 Millionen Euro für die weitere Verbesserung der Qualität in den Kitas. Das sei dieselbe Summe, die der Freistaat in die Beitragsfreiheit gesteckt habe. „Nichts gegen Beitragsfreiheit, aber noch wichtiger ist es, die Qualität in den Kitas zu erhöhen“, so der Caritas-Vorstandsvorsitzende. Die auf fünf Jahre begrenzte München-Zulage der Stadt für ihre Beschäftigten verlagere die Problematik und könne für manche Einrichtungen durch Mehrkosten in Millionenhöhe zur Existenzfrage werden. „Höhere Grundgehälter wären nachhaltiger.“
 
Stärkung des Ehrenamts
Eine gesicherte Finanzierung der wohnortnahen Infrastruktur zur hauptamtlichen Begleitung des bürgerschaftlichen Engagements würde unsere Arbeit wesentlich erleichtern“, erklärte Direktor Falterbaum. Das Ehrenamt dürfe politisch nicht missbraucht werden für unerledigte staatliche und kommunale Aufgaben oder als Ersatz für professionelle hauptamtliche Erwerbsarbeit. Willibald Strobel-Wintergerst, Leiter der Caritas München Mitte, wo allein im vergangenen Jahr 19.000 Hilfesuchende in 25 Einrichtungen und Diensten beraten und begleitet wurden, bedankte sich bei „seinen Ehrenamtlichen“. „Wir arbeiten hier mit rund 190 hauptamtlichen und fast 400 ehrenamtlich Mitarbeitenden in der Hospiz- und Behördenbegleitung, in den Alten- und Servicezentren, der Flüchtlingshilfe oder der Schuldnerberatung.“  In seinem privaten Umfeld sei er ein Außenseiter mit seinem ehrenamtlichen Einsatz. Dabei komme er mit ganz tollen Menschen zusammen, die einem viel Wertschätzung entgegenbrächten, berichtete Ernst Waas, ehrenamtlicher Schuldnerberater bei der Caritas. „Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, Gutmensch zu sein.“
 
Caritas-Jahreskampagne 2020: Sei gut, Mensch!“
Die neue Caritas-Jahreskampagne „Sei gut, Mensch!“ möchte den negativ besetzten Begriff „Gutmensch“ mit positiven Attributen füllen und das ehrenamtliche Engagement stärken. „Gutmensch darf kein Schimpfwort sein“, betonte Falterbaum. Wer Anderen Gutes tue und sein Handeln auf das Gemeinwohl ausrichte, dürfe nicht verunglimpft werden. „Wir als Sozialverband wollen die Deutungshoheit über im Grunde positive Begriffe nicht Zynikern und Extremisten überlassen, die erst die Wörter und dann die helfenden Menschen lächerlich und verächtlich machen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende des Diözesan-Caritasverbands. In der Erzdiözese arbeiteten Tausende von Frauen und Männern ehrenamtlich und zeigten damit Solidarität mit Menschen in Not. „Sie leisten einen großen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das verdient höchsten Respekt“, mahnte Falterbaum. (mmr)
 
BU: Georg Falterbaum, Ernst Waas, Tobias Zielona und Willibald Strobel-Wintergerst ( v.l.n.r.)
Foto: Caritas München/Kiderle
 
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