Muntere Diskussionsrunde auf dem Akademie-Fachgespräch zum Thema Bildungsungerechtigkeit.
Muntere Diskussionsrunde auf dem Akademie-Fachgespräch zum Thema Bildungsungerechtigkeit.
München, 30. Oktober 2020.

Caritasdirektor fordert mehr Geld für Schulsozialarbeit

„Eine integrative Bildungspolitik, die diesen Namen verdient, muss besonders die Kinder mit Migrationshintergrund in den Fokus nehmen. Sie muss Sorge dafür tragen, dass die Corona-Pandemie für sie nicht zum Stoppschild wird auf ihrem Weg zu Bildung, Ausbildung, Beruf und zu einer gelingenden Integration“. Mit diesem eindringlichen Appell eröffnet Georg Falterbaum, Vorstandsvorsitzender des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising e.V., am Mittwochabend in München ein Fachgespräch der Akademie der Nationen mit dem Titel: „Bildungsgerechtigkeit in Pandemiezeiten – Gedanken und Maßnahmen zur Bewältigung der Coronakrise mit besonderem Augenmerk auf Migrantenkinder“. Bildung sei der Schlüssel zur Integration schlechthin. Sie entscheide darüber, „welchen Beruf wir ergreifen, wie viel wir verdienen, wie hoch unser soziales Ansehen ist“. Bildung sei unverzichtbar für eine echte gesellschaftliche Teilhabe, bekräftigt der Caritasdirektor.
 
Er und seine Münchner Gäste, darunter Ministerialrätin Maria Wilhelm aus dem Kultusministerium, Gerade-noch-Stadtschulrätin Beatrix Zurek sowie Schulleiter Klaus Landthaler kommen zum einheitlichen Schluss, dass schon vor der Pandemie der familiäre Hintergrund viel zu sehr bestimmt hätten, welche Chancen Kinder und Jugendliche hätten – und dass das Corona-Virus die Ungerechtigkeit im Bildungswesen verschärft.
 
Stärken stärken
Bei einem ihrer letzten Auftritte als Münchner Stadtschulrätin betont Beatrix Zurek, die ab 1. November das Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München führt: „Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass die Schere in Pandemiezeiten nicht noch weiter auseinandergeht.“ Niemand dürfe abgehängt werden. Ihr Credo: Fordern und Fördern in persönlichem Kontakt. Und aufpassen, dass nicht das Versagen und Nichtkönnen unterstrichen wird, sondern die Stärken und Erfolge herausgestellt werden. Gerade in Krisenzeiten dürften Kindern nicht nur Niederlagen erfahren. „Sonst verlieren wir wertvolle Diamanten“, warnt Zurek mit Blick auf die Chancen erwachsener Migranten, die mehrere Sprachen und Kulturen kennen.
 
WLAN, Laptops, Whiteboards
Wesentlicher Baustein für eine moderne und integrative Bildungspolitik ist für die Stadtministerin eine zeitgemäße digitale Ausstattung der Schulen. „Wir brauchen Hardware, Software und eine gute Fortbildung der Lehrer“, so Zurek. 6.000 Tablets habe die Landeshauptstadt schon für die Schulen angeschafft, darunter 2.000 mit Sim-Card, denn oft fehle ein leistungsfähiger Internetanschluss. „Am Geld scheitert’s derzeit nicht, aber an den Lieferzeiten der Geräte“, bedauert die Stadtschulrätin die aktuellen Markt-Engpässe.
 
Viele Kinder haben seit März deutsch verlernt
„Der Nachname darf nicht den Bildungsweg bestimmen“, verlangte Beatrix Zurek noch, doch ein Migrationsanteil von 90 bis 95% an der Mittelschule von Klaus Landthaler zementiert genau diesen Trend. Der 61-Jährige leitet mit der GS/MS Weilerstraße die einzige integrierte Grund- und Mittelschule in München und ist stolz auf seine vielen ausländischen Schüler, brächten sie doch mit ihrer kulturellen Vielfalt einen großen Schatz mit. Unter dem Schulhalbjahr, das von Lockdown und Improvisation geprägt war, „haben alle gelitten“, erzählt der erfahrene Pädagoge. Die ABC-Schützen hätten nach drei bis vier Wochen Schließung schon das Gesicht der Lehrerin vergessen: „Für die Erstklässler ist Präsenzunterricht unverzichtbar, weil die Lehrer wichtige Bezugspersonen sind.“ Bei den Fünft- bis Neunt-Klässlern sei das Problem eher gewesen, dass in den Elternhäusern keine digitale Versorgung vorhanden war und auch der Umgang mit digitalen Leihgeräten nicht geübt und somit oft nicht möglich war. Und die Schulschließungen von März bis Juli hätten den Erfolg des 1. Halbjahres aus den Deutschklassen für Kinder mit Migrationsgeschichte zunichte gemacht. „Viele Migrantenkinder haben seit März deutsch verlernt, weil die anderen (deutsch sprechenden) Mitschüler als Sprachvorbilder fehlten“, erklärt Landthaler. Und weil auch zuhause die Sprachvorbilder fehlten, „haben diese Schüler ein halbes Jahr verloren“, bedauert Landthaler. Deshalb sei es so wichtig, dass in den Familien deutsch gesprochen wird, dass Väter, Mütter, Onkel, Tanten oder Großeltern ebenfalls deutsch lernten, mahnt der Schulleiter. Er wünscht sich hier noch mehr Engagement sowie passgenaue Angebote –und an den Schulen kleinere Klassen.
 
Vielfältige Unterstützungsangebote nutzen
Der Umgang mit Heterogenität sei längst nicht mehr neu, konstatiert Maria Wilhelm aus dem Bayerischen Kultusministerium. „Vielfalt ist schon lange ein Thema und keineswegs unangenehme Herausforderung, sondern eine Chance für die Menschen“, betont die Ministerialrätin. Das Ministerium plane grundsätzlich für „alle Schüler“. Speziell für Kinder aus Migrantenfamilien seien Integrations-, Deutsch- oder Berufsintegrationsklassen wesentliche Angebote, damit diese Schüler eben gerade nicht abgehängt würden. Aktuell seien auch die Mittel für Drittkräfte für die Deutschförderung aufgestockt worden. Aus dem Digitalpakt stünden Gelder für bildungsferne Haushalte zur Verfügung, um moderne Lernmittel anzuschaffen. Nach dem ersten Lockdown habe es Brückenstunden und Ferienkurse gegeben für Kinder mit Lernrückständen. Schließlich hätten die Lehrerinnen und Lehrer große Spielräume bei der Leistungserhebung und Beurteilung von Schülerinnen und Schüler. Bewährt hätten sich auch die Ganztagsangebote an den Schulen. Und die Unterstützung durch Flüchtlingsberatung und Ehrenamtliche. All dies könne und müsse genutzt werden, so die Beamtin aus dem Kultusministerium.
 
Mehr außerschulische Angebote gefordert
Dass Unterschiedlichkeit in der Realität nicht nur Chance, sondern oft genug Nachteil ist, berichtet Münchens Jugendamtsleiterin Esther Maffei. „Nicht nur Begabung und Intelligenz entscheiden, in welche Schule man kommt.“ Schulsozialarbeiter beklagen, dass bei Migrantenkindern Versagens- und Zukunftsängste groß sind und in den Familien Stress und Druck zunehmen. Maffei plädiert deshalb dafür, „die Kinder in der Schule länger beisammen zu lassen und nicht so früh zu trennen“.
 
Die Leiterin der Akademie der Nationen und Moderation des Abends Norma Mattarei weist darauf hin, dass der Beitrag vieler Eltern beim Homeschooling im ersten Lockdown äußerst wertvoll gewesen ist. „Kinder aus Migrantenfamilien hatten in der Regel niemanden, der helfen konnte.“ Daher brauche es mehr außerschulische Maßnahmen, um die Defizite auszugleichen. „Und mehr Geld für die Schulsozialarbeit“, fordert Falterbaum.
 
Stadtschulrätin Zurek resümiert, dass im ersten Lockdown die vielfältigen Unterstützungsangebote von Stadt und Land an den strengen Kontaktverboten gescheitert seien. Ergo sei es besser und notwendig, die Kinder so lange wie möglich in den Schulen zu halten. Auch Caritasdirektor Falterbaum begrüßt, dass im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr nun die Schulen und andere Bildungseinrichtungen geöffnet bleiben sollen. (beb)