Eine Expertenrunde hat über soziale Folgen der Corona-Krise für Eingewanderte diskutiert.
Eine Expertenrunde hat über soziale Folgen der Corona-Krise für Eingewanderte diskutiert.
München, 26. März 2021

Migranten unter den Hauptverlierern der Pandemie

„Migranten gehören zu den Hauptverlierern dieser Krise.“ Matthias Wölfel, Geschäftsleiter des Caritas-Instituts für Bildung und Entwicklung stellte diese These an den Beginn des gestrigen digitalen Fachgesprächs „Soziale Folgen der Coronakrise für Migranten und Migrantinnen“.  Norma Mattarei, Veranstalterin und Leiterin der Akademie der Nationen, nimmt die aktuelle Krise zum Anlass, grundsätzlich mehr soziale Gerechtigkeit zu fordern. Julia Sterzer, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege München berichtet: „Menschen mit Migrationshintergrund haben ihre Arbeit verloren oder sind in Kurzarbeit, die Wohnsituation ist beengt, den Eltern fehlt die mediale Kompetenz um ihre Kinder bei der Teilnahme am Distanzunterricht unterstützen zu können.“ Dies zeige sich im gesteigerten Beratungsbedarf, die Anfragen bei der Schuldnerberatung hätten sich verdoppelt.
 
Signifikanter Anstieg bei Beratungsanfragen durch Migranten
„Unsere Ressourcen reichen kaum, um so vielen Menschen zu helfen“, bestätigt Caritas-Migrationsberater Nedialko Kalinov und appelliert: „Ich wünsche mir mehr Beistand und mehr Beratungsstellen für Migranten." Die Beratungsanfragen hätten sich auch hier verdoppelt, denn Migranten arbeiteten häufig in besonders betroffenen Branchen wie dem Reinigungsbereich/Housekeeping oder in der Gastronomie und hätten als erste ihre Jobs verloren. „Sie haben keine Arbeit, können keine Mieten bezahlen, verlieren die Wohnung, das belaste psychisch, es folgen psychosomatische Erkrankungen. Sie sind wirklich ganz am Boden. Als Nächstes kommt die soziale Isolation dazu“, beschreibt Kalinov die Auswirkungen. Berufsqualifizierende Maßnahmen griffen nicht, Arbeitslosengeld I und II müssten beantragt werden, es gebe so viele Anträge wie nie zuvor. Zudem sei die Kommunikation mit den Behörden unter Pandemiebedingungen schwierig.

Schere zwischen arm und reich wächst
Damit Migrantinnen und Migranten gut durch die Krise kommen, fordert Kalinov zusätzliche finanzielle Mittel für Betroffene sowie Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Viele Migranten hätten ihre Deutschkurse mangels technischer Ausstattung abgebrochen. Vor allem das Wohnungsamt müsse mehr Präsenztermine anbieten sowie Anmeldung, Anträge und deren Bearbeitung vereinfachen.  ARGE-Sprecherin Sterzer fordert deshalb den Ausbau der Migrationsberatung. Zudem sei in der Krise die Schere zwischen arm und reich noch weiter auseinander gegangen, eine Anhebung des Mindestlohns sei deshalb geboten. Ausdrücklich begrüße sie das von der Bundesregierung beschlossene Sozialpaket III. Allerdings sei eine einmalige Zahlung von 150 Euro für den coronabedingten Mehraufwand an Hygienematerial bei weitem nicht ausreichend.
   
Beschäftigungsmöglichkeiten sind in München zurückgegangen
Anette Farrenkopf, die Geschäftsführerin des Jobcenter München, berichtet, dass die Anzahl der vom Jobcenter München betreuten Bedarfsgemeinschaften im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf 40.800 gestiegen seien. Die Arbeitslosigkeit in München sei gegenüber dem Vorjahr um 42 Prozent angestiegen. Insbesondere Branchen aus dem Dienstleistungsbereich seien hiervon verstärkt betroffen, etwa aus den Bereichen Hotel- und Gastgewerbe sowie Messe und Veranstaltungen. Zeitweise seien 30 Prozent aller Münchner Betriebe in Kurzarbeit gewesen. Die Arbeitslosigkeit sei bei Migranten um 48 Prozent, bei Jugendlichen um 64 Prozent und bei Langzeitarbeitslosen um 61 Prozent gestiegen. Sogenannte Aufstocker, die nicht von ihrer Arbeit leben könnten, hätten sich verdoppelt. Auch Selbständige und Künstler suchten vermehrt Beratung. Jobcenter und Arbeitsagentur hätten ihre Organisation auf den Kopf gestellt, um Leistungen schnell auszahlen zu können. Das Sozialschutzpaket III gelte bis Ende des Jahres und sehe zum einen den Schutz von Vermögen (unerhebliches Vermögen bis 60.000 €, jedes weitere Mitglied der Bedarfsgemeinschaft 30.000 €) vor, damit zum Beispiel Selbständige ihren Betrieb wieder aufnehmen können. Zum Zweiten werde die Miete in der jeweiligen Höhe übernommen und zum Dritten sei die Antragstellung deutlich vereinfacht worden. Darüber hinaus habe sie unermüdlich im Netzwerk geworben und informiert, damit niemand seine Wohnung verliere.

Es braucht Lösungen! 
Beim digitalen Fachgespräch diskutierten Fachleute von Sozialverbänden, Kommunen und andere Experten über Hilfs- und Lösungsmöglichkeiten wie Bürokratieabbau, die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze und eine aktive Arbeitsmarktpolitik, damit Migrantinnen und Migranten in der Corona-Krise nicht auf der Strecke bleiben. Organisator des Fachgesprächs war die Akademie der Nationen der Caritas (ADN), die politische Arbeit im Migrationsbereich verantwortet. Die Caritas-Akademie der Nationen bringt mit ihren Bildungsangeboten und Veranstaltungsformaten Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen, trägt zum Abbau von Vorurteilen bei und eröffnet neue Horizonte und Perspektiven. Die Angebote sollen Begegnung, Austausch und Dialog zwischen unterschiedlichen Kulturen, Ethnien und Religionen fördern. Weitere Informationen unter www.akademie-der-nationen.de. (md)