Wenn die Familie zusammen ist, gelingt Integration besser.
München, 12.05.2021

„Familien gehören zusammen“

Diözesan-Caritasverband unterstützt Petition zum Familiennachzug
Überbordende Bürokratie lässt Familien nicht zusammenfinden

„Familien gehören zusammen!“ Gabriele Stark-Angermeier, Vorständin des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising, fordert zum Internationalen Tag der Familie, dass Mütter, Väter und Kinder zu ihren Familien nach Deutschland ziehen können, die bisher als Geflüchtete nur einen subsidiären Schutz erhalten. Ehe und Familie stünden nach Artikel 6 des Grundgesetzes unter dem besonderen Schutz des Staates, einen Ausschluss bestimmter Gruppen, wie beispielsweise Ausländer/-innen oder Geflüchtete, gebe es nicht. „Die Realität sieht anders aus“, erklärt Caritas-Migrationsexperte Willi Dräxler: Anerkannte Flüchtlinge hätten Anspruch auf privilegierten Familiennachzug, wenn sie diesen spätestens drei Monate nach ihrer Anerkennung beantragen, unabhängig davon, ob Wohnraum und Lebensunterhalt gesichert sind. Für diejenigen, die nur subsidiären Schutz erhielten, würde der Familiennachzug seit 2018 kontingentiert und damit massiv eingeschränkt. Deshalb unterstützt der Diözesan-Caritasverband eine Petition von Pro Asyl zum Familiennachzug anlässlich des Internationalen Tags der Familie am 15. Mai.
 
Deutsche Maßstäbe passen nicht für Krisengebiete
Hinzu kämen horrende Reisekosten und Passgebühren, die für Geflüchtete oft unerschwinglich seien, erläutert Dräxler. Oftmals würden teure genetische Nachweise gefordert. Erschwerend komme hinzu, dass sich die deutschen Botschaften aus Krisengebieten zurückgezogen haben. Die Antragsteller/-innen müssten somit in ein anderes Land reisen und dort mitunter Jahre verbringen, um ein Visumverfahren mit ungewissem Ausgang zu betreiben. Eine Eheschließung mittels amtlicher Dokumente nachzuweisen, sei extrem schwierig für Menschen aus Kriegsgebieten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie habe sich die Situation dramatisch verschlechtert: Behörden, inklusive Botschaften, seien kaum mehr für persönliche Termine erreichbar. Schriftliche Gesuche gerieten in Endlosschleifen. Bereits erteilte Visa verfielen wegen der Reisebeschränkungen. Die Beschaffung von Dokumenten und Nachweisen der Familienzusammengehörigkeit betreffe auch jene mit anerkanntem Flüchtlingsstatus. In Eritrea, Somalia und in vielen Provinzen Afghanistans seien Heiratsurkunden unüblich. Auch Abstammungsnachweise gebe es nicht für jede oder jeden und schon gar nicht für Kinder, die in einem Drittland zur Welt gekommen sind.
 
Familien nicht für verfehlte Wohnungspolitik bestrafen
Auf kommunaler Ebene sträubten sich viele Amtsträger gegen den Familiennachzug mit dem Argument, dass es keinen Wohnraum gibt. „Darf man Familien für eine verfehlte Wohnungspolitik  zerstören?“, fragt Willi Dräxler. Familie gelte als Kern der Gesellschaft. Menschen verzweifelten, wenn der Staat ihre Familie zerreißt. Zudem ginge Integrationskraft durch die Sorge um Ehegatten und Kinder verloren. „Jah­re­lan­ges War­ten auf enge Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge zer­mürbt. Das ist nicht nur inte­gra­ti­ons­po­li­tisch unsin­nig, son­dern auch ver­fas­sungs­wid­rig“, moniert die stellvertretende Caritas-Direktorin Stark-Angermeier. Die Erfahrungen der Caritas-Beratungsstellen zeigten immer wieder, dass es wirklichkeitsfern sei, zu glauben, dass ein Mensch eine fremde Sprache und Kultur erlernen könne, wenn er nicht wisse, ob die eigene Familie gesund und am Leben sei. „Es ist unmenschlich, Mütter, Väter und Kinder wissentlich voneinander getrennt zu halten."

Viele Geflüchtete aus Eritrea und Somalia warten vergeblich auf ihre Angehörigen
Ghebru Yirgalem ist aus Eritrea geflüchetet und kam im Sommer 2016 alleine nach Deutschland. Er hat eine Aufenthaltserlaubnis und möchte Frau und Kind nach Deutschland holen, die inzwischen als Geflüchtete in Addis Abeba, Äthiopien, leben. Yirgalem spricht gut Deutsch und arbeitet seit 2017 bei einem Unternehmen in Geiselbullach/Olching im Landkreis Fürstenfeldbruck, inzwischen als Teamleiter. Auch eine passende Wohnung hat er ganz in der Nähe des Arbeitsplatzes gefunden. „Ich vermisse meine Frau und mein Kind sehr und mache mir große Sorgen um sie wegen des Kriegs und der Pandemie“, erklärt der 26-Jährige. Sein Sohn ist inzwischen fast sechs Jahre alt, er würde ihn so gerne aufwachsen sehen. Fast täglich telefoniert er mit den beiden. Im Juni 2019 hatte er gemeinsam mit einer ehemaligen Asylsozialberaterin bei der Botschaft in Addis Abeba ein Visum für Frau und Kind beantragt. Im letzten Jahr reiste er nach Äthiopien, um die geforderten Unterlagen vorzulegen. Doch die Botschaft hatte kurz vor dem Ausbruch der Pandemie einen Termin für seine Frau abgesagt. Seit dieser Zeit würden Nachfragen nicht beantwortet.
 
Familien-Schicksale wie die der Yirgalems gebe es leider viele, weiß Caritas-Migrationsexperte Willi Dräxler. Der afrikanische Staat Eritrea rangiert laut Amnesty International und Reporter ohne Grenzen hinsichtlich der Menschenrechte und der Pressefreiheit unter den Letzten weltweit. Menschen, die das Land verlassen, müssten ebenso wie die zurückgebliebenen Angehörigen mit hohen Strafsteuern rechnen oder würden anderweitig belangt. Der unbefristete Wehrdienst trage ebenso dazu bei, dass junge Männer das Land verließen. Die Anerkennungsquote für Geflüchtete liegt laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im ersten Quartal 2021 bei 80 Prozent und ist damit relativ hoch. „Aber wir setzen beim Familiennachzug deutsche Verwaltungsmaßstäbe an, die die Herkunftsländer nie erfüllen können“, berichtet Dräxler. Menschen scheiterten und hingen oft in einem Drittland wie Äthiopien oder Sudan fest. Auch in Somalia sei es sehr schwierig, Dokumente zu bekommen. Umso mehr freuten sich Betroffene und in der Asylarbeit tätige Haupt- und Ehrenamtliche über positive Beispiele.

Somalische Mutter nach sieben Jahren endlich mit ihren drei Kindern vereint
Ehrenamtlichen des Helferkreises Asyl Ottobrunn sei es nach vielen Jahren beharrlichen Engagements Anfang Mai gelungen, die drei Kinder einer seit 2014 in Deutschland lebenden Somalierin nachzuholen. „Die beteiligten Stellen haben uns so viele Steine in den Weg gelegt, dass wir mehrfach ans Aufgeben dachten“, klagt die Ehrenamtliche Daniela Graser. Zudem habe der Familiennachzug insgesamt weit mehr als 10.000 Euro gekostet. Die Mutter sei als Analphabetin nach Deutschland gekommen, ohne die sehr zeitintensive Unterstützung durch den Helferkreis Asyl Ottobrunn wäre es ihr völlig unmöglich gewesen, ihr Recht auf Familiennachzug durchzusetzen. „Durch die von mehreren Seiten kompliziert gehaltene, bürokratische Umsetzung ist ein so enges Nadelöhr entstanden, dass das Recht auf Familiennachzug eigentlich nur auf dem Papier steht", kritisiert Graser.