Caritas-Vorstandsmitglieder Gabriele Stark-Angermeier und Thomas Schwarz.
Caritas-Vorstandsmitglieder Gabriele Stark-Angermeier und Thomas Schwarz.
München, 13. Juli 2021.

Soziale Arbeit und Pflege sind systemrelevant!

Die Caritas habe sich in der Corona-Pandemie als zuverlässig, wandlungsfähig und reaktionsschnell erwiesen, dennoch habe die Krise niemanden verschont und Mitarbeitende sowie Klienten in allen Bereichen enorm gefordert. Dieses Resümee zogen heute Gabriele Stark-Angermeier und Thomas Schwarz, die gemeinsam seit April Oberbayerns größten Sozialverband führen. Über die  Belastungen in den 16 Monaten zwischen Lockdown und Lockerungen, über die Konsequenzen aus der Erfahrung im Umgang mit der Pandemie, über die aktuelle Geschäftsentwicklung, den Jahresabschluss 2020 sowie die sozialpolitischen Forderungen des Sozialverbands berichtete der Vorstand des Diözesan-Caritasverbands am Dienstag, 13. Juli, auf der Jahrespressekonferenz in München.
 
Vorständin fordert Konsequenzen aus der Erfahrung mit der Pandemie
„Mehr als ein Jahr im Ausnahmezustand. Mit Besuchsverboten und sozialer Isolation. Mit Masken-, Test- und Abstandsgeboten. Das war nicht nur für unsere knapp 10.000 Beschäftigten eine schwere Zeit. Das war auch für unsere 70.000 Klienten und Klientinnen, für unsere 3.000 Bewohnerinnen und Bewohner in den Altenheimen sehr belastend“, schilderte Stark-Angermeier. „Die Situation der Altenheime hat uns vor Augen geführt, dass wir immer wieder die Angemessenheit politischer Maßnahmen überprüfen müssen. So sollten die rigorosen Besuchsverbote die Bewohner/-innen vor dem Corona-Virus schützen, haben sie jedoch von der Außenwelt abgeschottet, was sie an ihre Grenzen gebracht hat.“ Dies gelte auch für Menschen mit Behinderung, die immer wieder vergessen worden seien.
Auch Familien seien weitgehend sich selbst überlassen gewesen. „Viele Eltern waren mit Homeoffice, Homeschooling und Kleinkindbetreuung über Gebühr belastet. Vor allem die Mütter haben oft zurückgesteckt und die Care-Aufgaben übernommen. Die Probleme von Familien, Schulkindern und Jugendlichen wurden zu lange ignoriert. Der wunde Punkt der Corona-Zeit war und ist die Bildungspolitik. Das Virus hat die soziale Bildungsschere noch weiter geöffnet. Zwei Millionen Kinder wurde gar nicht mehr erreicht. Distanzunterricht war eben viel Distanz und wenig Unterricht. Ich hoffe, dass Bundes- und Landespolitik diese Lektion gelernt haben und alles dafür tun, dass die Schulen nach den Sommerferien geöffnet bleiben. Es kann nicht sein, dass die Fußballstadien auf und die Schulen zu sind“, empörte sich die Caritas-Vorständin. Corona habe auch Armut verfestigt und die Klienten-Struktur verändert. Es kämen Menschen in die Caritas-Beratung, die durch Kurzarbeit ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr bestreiten könnten. Auch in den Caritas-Essensausgaben habe sich die Nachfrage stark erhöht.
 
Große Herausforderungen auch im finanziellen Sektor
„Insgesamt war das Jahr 2020 auch in bilanzieller Hinsicht stark von den Auswirkungen der Corona-Pandemie beeinflusst. Behördlich angeordnete Schließungen etwa zogen Mindereinnahmen nach sich. Im Sach- und Personalkostenbereich kam es zu teils immensen Mehraufwendungen. Viele dieser fehlenden Einnahmen und zusätzlichen Kosten wurden durch Rettungsschirme und Ausgleichszahlungen der Kostenträger abgemildert. Dafür sagen wir Danke!“, erklärte Finanzvorstand Thomas Schwarz. Bei aller Unterstützung wünsche er sich jedoch auch bei der Rückerstattung von Corona bedingten Verdienstausfällen mehr Tempo von den Behörden. Um das mit aktuellen Zahlen zu illustrieren: „Bisher haben wir in 280 Fällen wegen vorgeschriebener Quarantänesituationen Erstattung des Verdienstausfalls beantragt und sind dabei mit 424.000 Euro in Vorleistung gegangen. Bis heute sind 42 Anträge bearbeitet worden. In 38 Fällen wurde uns das Geld erstattet, vier Anträge wurden abgelehnt. Hier brauchen wir einfach viel schneller Sicherheit über die Rückerstattungen!“
Der Jahresüberschuss des Caritasverbands betrage 2020 rund 10,3 Millionen Euro und damit rund 10 Millionen Euro mehr als im Vorjahr – eine auf den ersten Blick beeindruckende Zahl, die allerdings ein wenig in die Irre führe. Denn dieser Überschuss resultiere im Wesentlichen aus dem Verkauf eines Grundstücks in München sowie aus dem Verkauf des Gebäudes des ehemaligen Caritas-Altenheims in Scheyern. „Wir werden dieses Geld dieses und nächstes Jahr dringend brauchen, um wichtige und notwendige Bauvorhaben durchführen zu können. Dazu gehören beispielsweise der Altenheimneubau in Germering und der Neubau der Wendelstein Werkstätten Am Oberfeld in Rosenheim für Menschen mit Behinderung.“ Schwarz bedankte sich auch bei der Erzdiözese München und Freising für rund 30 Millionen Euro „großzügige und deutschlandweit einzigartige Unterstützung“ im Corona-Jahr 2020.
 
Bundestagswahl 2021: Caritas fordert Anstrengungen von der Politik
Vor der Bundestagswahl im September gibt die Caritas für München und Oberbayern den politischen Wettbewerbern zahlreiche Forderungen mit auf den Weg. Es habe sich gezeigt, dass soziale Arbeit und Pflege systemrelevant seien. „Die Krise wirkt wie ein Vergrößerungsglas für soziale Ungleichheiten. Reformen und Nachbesserungen in der Sozialgesetzgebung sind nötig“, forderte Stark-Angermeier. Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, Familien, Kindern und Jugendlichen müssten dringend wieder in den politischen Fokus! Zudem appellierte sie an die politischen Vertreter/-innen, sich für sinnvolle Investitionen, attraktivere Arbeitsbedingungen und mehr Nachwuchskräfte in der stationären und ambulanten Pflege stark zu machen. Als Vorbild und Maßstab tauge allemal das Caritas-Tarifwerk AVR mit fairen Arbeitszeitregelungen, Zuschlägen, Zusatzversorgung, betrieblicher Altersvorsorge und Besinnungstagen. „Wir haben die Pandemie mit viel Aufwand und Herzblut bewältigt“, sagte Schwarz. Er verlange daher, dass die Politik die finanziellen Mittel „auch für die Sozialwirtschaft so lange bereitstellt, wie es nötig ist. Wirtschaft ist wichtig und wird aus gutem Grund mit Rettungsschirmen gefördert. Sozialwirtschaft ist aber ebenso wichtig und darf nicht vergessen werden. Denn: Unsere Arbeit hält auch die Gesellschaft zusammen. Und Zusammenhalt brauchen wir gerade jetzt“. (mmr)
 
BU: Gabriele Stark-Angermeier und Thomas Schwarz sind sich einig: Die Corona-Pandemie hat Spuren hinterlassen. Foto: Caritas München