Junge Menschen wurden in der Corona-Pandemie vollkommen vernachlässigt.
Junge Menschen wurden in der Corona-Pandemie vollkommen vernachlässigt.
München, 13. August 2021.

Kinder und Jugendliche brauchen dringend Hilfe!

Der Diözesan-Caritasverband rechnet angesichts der enormen Belastungen durch die Coronapandemie mit einem stark ansteigenden Hilfe- und Unterstützungsbedarf von Kindern, Jugendlichen und Familien. „Die Politik hat die junge Generation vollkommen vernachlässigt. Das darf nicht mehr passieren! Wir spüren bereits in fast allen Einrichtungen, dass Kinder und Jugendliche die Leidtragenden der Pandemie sind. Die Folgen werden erst richtig offenkundig werden, wenn die Kinder und Jugendlichen nach den Ferien wieder regelmäßig Kindertageseinrichtungen und Schulen besuchen“, mahnt Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier und appelliert an die Verantwortlichen, die Schulen und Kitas nach den großen Ferien wieder für alle zugänglich zu machen. Erfahrungsgemäß seien diese Institutionen die Ersten, die Auffälligkeiten bemerkten und dann den Eltern empfehlen könnten, sich therapeutische Hilfe zu suchen oder an eine Erziehungsberatungsstelle zu wenden.
 
Bildungslücken und Entwicklungsverzögerungen
Insbesondere für benachteiligte Familien, die über wenig Ressourcen verfügten, seien die negativen Auswirkungen dramatisch. „Aufgrund von Bildungslücken, Entwicklungsrückständen, fehlenden Perspektiven und Zukunftsängsten werden Kinder und Jugendliche immer weiter abgehängt. Deshalb wird der Hilfebedarf zwangsläufig weiter ansteigen und macht zusätzliche Investitionen in die Kinder- und Jugendhilfe erforderlich“, fordert Stark-Angermeier. Die öffentliche Jugendhilfe sei in der Verantwortung, bedarfsgerechte und ausreichende Hilfen bereit zu stellen. Dafür benötigten allerdings auch die Kommunen eine solide finanzielle Ausstattung. „Wir rechnen fest damit, dass die Spätfolgen noch zunehmen. Dazu kommen die familiären Belastungen durch Insolvenzen und Arbeitsverlust bei den Eltern, welche sich zusätzlich belastend auf die Kinder auswirken werden. Für alle ist es schwer auszuhalten, dass immer noch kein Ende der Pandemie in Sicht ist und wir auch nicht wirklich wissen, wie es im Herbst weiter geht.“ Junge Menschen und Familien bräuchten unbedingt Perspektiven und Sicherheit.
 
Kinderseelen durch Lockdowns in Gefahr
Die Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche im Landkreis München meldet 2021 eine Zunahme der persönlichen, telefonischen und Online-Beratungen um mehr als 30 Prozent. Kreisgeschäftsführer Matthias Hilzensauer berichtet: „Die Mitarbeitenden arbeiten stark an der Belastungsgrenze. Was uns besonders erschreckt, ist eine erhöhte Anzahl an Kindeswohlgefährdungen.“  Die Caritas in Rosenheim berichtet von dreimal mehr Hilfegesuchen als vor Corona. „Hier handelt es sich fast ausschließlich um sehr verunsicherte Kinder und depressive Jugendliche, die dringend therapeutische Unterstützung benötigen. Ein Jahr ohne soziale Kontakte ist einfach zu viel“, warnt Monika Bacher, Beraterin bei der Caritas Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Einen weiteren längeren Lockdown würden viele junge Seelen nicht verkraften!
 
Psychische Belastungen und Störungen
Auch die Caritas Erziehungsberatungsstelle in Garmisch-Partenkirchen befürchtet, dass sich viele psychische Belastungen und Störungen aufgrund der Kapazitätsgrenzen im therapeutischen Bereich verfestigen oder chronisch werden. Die Anfragen für einen Therapieplatz bei niedergelassenen Kollegen/-innen im ersten Quartal 2021 seien um rund 40 bis 60 Prozent gestiegen – und das in einem System, das man bereits vor der Pandemie nicht als bedarfsgerecht bezeichnen konnte. Die Caritas-Experten in Dachau berichten von „sozialem Rückzug, Ängsten, Zwängen, Essstörungen, familiären Krisen, depressiven Verstimmungen, ausuferndem Medienkonsum und erhöhtem Aggressionspotential“ bei ihren jungen Klienten. Außerdem erlebten die Berater/-innen viele Eltern, deren Beziehung und Familienleben aufgrund von Corona, Homeschooling, Homeoffice und dauerhafter finanzieller sowie psychischer Belastung sehr gelitten habe. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene sowie Eltern, vor allem die Mütter, seien eine der hauptleidtragenden Gruppen der Corona-Pandemiemaßnahmen. Ein Anhalten der Problematik sei zu erwarten. Thomas Beer, Fachdienstleiter Kinder-, Jugend- und Familienhilfen im Caritas-Zentrum Fürstenfeldbruck, bestätigt: „Wir bemerken eine depressive Grundhaltung und ein vermindertes Selbstwertgefühl bei Kindern und Jugendlichen sowie ein erhöhtes Konfliktpotential in den Familien, zum Beispiel auch beim Thema Medienkonsum.“
 
Angst vor der Schule und vor der Zukunft
Die Caritas-Erziehungsberatung in Bad Tölz erlebt hohe Fallzahlen und beobachtet, dass viele Kinder und Jugendliche Angst vor der Schule und vor einem starken Leistungsabfall entwickelten oder einen erschwerten Einstieg in das Erwerbsleben befürchteten. Die langen Wartelisten zur Abklärung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erschwerten die Problematik zusätzlich. Die Kitas in Tölz verzeichnen hohe Förderbedarfe bei der sprachlichen, sozialen und emotionalen Entwicklung der Mädchen und Buben. Das Mehrgenerationenhaus in Taufkirchen (Vils) konstatiert, dass sich viele vorhandene Defizite in der Pandemiezeit verstärkt haben und die Kinder sich schwertun im Klassenverbund zurecht zu kommen oder sich an Regeln zu halten. Hier seien Jugendsozial- und Schulsozialarbeit wichtig und eine große Hilfe.
 
Bildungsschere wird immer größer
Der Diözesan-Caritasverband begrüßt es sehr, dass das Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales 120 zusätzlichen Stellen in den Erziehungsberatungsstellen zustimmt hat. „Angesichts der vielen wachsenden Probleme in München und Oberbayern allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem müssen wir auf der kommunalen Ebene noch aushandeln, wie die Finanzierung verteilt wird und ob und in welcher Höhe Eigenmittel eingesetzt werden sollen“, erklärt Vorständin Stark-Angermeier. „Der wunde Punkt der Corona-Zeit war und ist die Bildungspolitik. Das Virus hat die soziale Bildungsschere noch weiter geöffnet. Ich hoffe inständig, dass die Politik diese Lektion gelernt hat und alles dafür tut, dass die Schulen nach den Sommerferien dauerhaft geöffnet bleiben.“ (mmr)