Abdul Rahim aus Rosenheim macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Angehörigen in Afghanistan.
Abdul Rahim aus Rosenheim macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Angehörigen in Afghanistan.
München, 27. August 2021.

Solidarität und schnelle Hilfe für Menschen aus Afghanistan

„Wir brauchen klare Zuständigkeiten innerhalb der Behörden und zeitnahe Informationen, damit wir Menschen, die aus Afghanistan bei uns ankommen oder bereits hier sind, unkompliziert helfen können“, fordert Gabriele Stark-Angermeier, Vorständin des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising angesichts der dramatischen Entwicklung in Afghanistan. „Uns erreichen unzählige Hilferufe von Organisationen und Einzelpersonen direkt aus Afghanistan“, berichtet Wilhelm Dräxler, Fachreferent für Migration beim Diözesan-Caritasverband. „Unsere Mitarbeitenden in den Flüchtlings- und Migrationsberatungsstellen in Oberbayern sind täglich mit der Not verzweifelter Angehöriger konfrontiert“, erläutert die Caritas-Chefin. Die Kolleginnen und Kollegen müssten mit Traumatisierungen und Sorgen sowie mit hohen Erwartungen beispielsweise zur Hilfeleistung für Familienangehörige umgehen. Die Situation von Frauen und Mädchen sowie naher Verwandter wie Nichten oder Cousins müsse dringend in den Blick genommen werden, mahnt Stark-Angermeier, die im Verband unter anderem für Soziale Dienste zuständig ist. „Wir müssen jetzt Solidarität mit den Menschen aus Afghanistan zeigen, damit sie bei uns ankommen und ihr Leben neu ausrichten können.“ 
 
Flüchtlings- und Integrationsberater/-innen brauchen zeitnah korrekte Informationen
„Die Beratung ist in dieser Zeit besonders herausfordernd“, schildert Melanie Bumberger ihre Arbeit in der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas Rosenheim. Die Informationslage ändere sich täglich und Programme, die der Zivilbevölkerung helfen würden, gebe es derzeit nicht. „Wir versuchen in erster Linie zuzuhören, Verständnis für die Verzweiflung und Sorge zu zeigen und die Menschen mit korrekten Informationen zu versorgen“, so Bumberger. Dabei würde es ihr sehr helfen, wenn sie von den Behörden zeitnah eindeutige Informationen mit konkreten Handlungsanweisungen bekommen würde, die sie dann an ihre Klientinnen und Klienten weitergeben könne. Das Telefon klingle heiß in diesen Tagen, Beratungstage seien lange und intensiv. Doch sie möchte mir ihren Kolleginnen und Kollegen ihr Möglichstes dazu beitragen, für die Menschen in dieser schweren Zeit da zu sein und sie zu unterstützen.
 
Angehörige von Ortskräften sind gefährdet
„Die Afghanen, die bei uns leben, haben Angst um ihre Angehörigen“, schildert die Beraterin und Fachdienstleiterin Melanie Bumberger aus Rosenheim die Situation stellvertretend für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Die Afghanen in Oberbayern fürchteten Zwangsrekrutierungen der Brüder durch die Taliban oder die Zwangsverheiratung der kleinen Schwestern. „Die Not der Frauen und Kinder ist groß. Die Menschen erleben die Angst im täglichen Kontakt mit ihren Angehörigen hautnah mit und können vor Sorge selbst kaum mehr den Alltag bestreiten“, erläutert die Sozialpädagogin. Einer davon ist der Afghane Abdul Rahim. Er lebt seit fünf Jahren in Deutschland, hat eine Anerkennung und gerade seine Ausbildung als Vermessungstechniker erfolgreich abgeschlossen. In Afghanistan war er für die internationale Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF unter der Führung der NATO tätig. „Meinetwegen sind meine Mutter und Geschwister nun in Gefahr. Die Taliban finden schnell heraus, wer für eine Organisation gearbeitet hat, die gegen ihr Gedankengut ist. Auch die Angehörigen sind dann in Gefahr. Sie wollen sicher sein, dass alle im Land ihrem Regime folgen und nicht unbequem werden“, erklärt Abdul Rahim. Er habe die Namen seiner Familie samt Nachweisen dem Auswärtigen Amt gemeldet. Doch es gebe Verwirrung um die richtige E-Mail-Adresse, eine Antwort habe er nicht erhalten. Wie viele andere versucht er, seinen Angehörigen in Afghanistan zu helfen. Aktuell sei noch unklar, ob sie die Kriterien für eine Evakuierung erfüllen. „Was ist mit meinen minderjährigen Nichten?“ – Sie gehören nach der engen deutschen Definition nicht zur Kernfamilie. – „Wer darf kommen? Wer muss zurückbleiben? Was wird aus ihnen?“ fragt er verzweifelt. Antworten auf solche existenziellen Fragen gebe es derzeit keine.
 
Die Flucht ist für alleinstehende Frauen lebensgefährlich
„Die Sorge um meine Mutter und meine Schwester frisst mich innerlich auf“, sagt Abdullah*. Er machte sich nach der Ermordung seines Vaters durch die Taliban vor sechs Jahren als 15-Jähriger allein auf den Weg nach Deutschland und wurde aufgrund der politischen Verfolgung als Flüchtling anerkannt. Mutter und Schwester seien die beiden einzigen Überlebenden seiner Familie. Sie versteckten sich in Kabul und könnten nicht aus dem Haus gehen. Für Evakuierungsprogramme oder die Einstufung als „besonders gefährdete Personengruppe“ erwartet Deutschland unter anderem einen Pass und diverse Beweise und Dokumente. „Abdullah ist verzweifelt und ohnmächtig, weil er nichts für Mutter und Schwester tun kann“, erklärt Melanie Bumberger. In dem Dorf, aus dem die Familie stammt, habe keiner einen Pass oder Ähnliches und unter den derzeitigen Umständen könne sich auch keiner einen Pass organisieren. „Eine Flucht nach Pakistan oder Indien ist für zwei Frauen allein lebensgefährlich. Was die Taliban mit ihnen machen könnten, weiß jeder“, schildert Abdullah verzweifelt.  „Ich wäre so gerne bei ihnen, fühle mich verantwortlich, möchte sie unterstützen. Aber meine Mutter ist froh, dass ich nicht bei ihnen bin, sondern hier in Deutschland, in Sicherheit“, erzählt der junge Mann voller Sorge.  (md) 
 
*Name zum Schutz der Person geändert