Psychische Erkrankungen haben während Corona zugenommen.
München, 10. November 2021.

Corona: Immer mehr psychische Belastungen

„Corona hat die Vereinsamung älterer Menschen verstärkt, Menschen in Armut noch ärmer gemacht und psychische Probleme ganz generell vergrößert“, konstatierte Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier beim digitalen Fachtag „Psychische Belastungen während der Pandemie – Isolation, Migration, Flucht“ mit renommierten Referentinnen aus Forschung und Praxis, sowie der Mental Health Expertin Dominique de Marné. Betroffen von den Auswirkungen der Pandemie seien auch Familien, Kinder und Jugendliche, zum Beispiel durch Isolation aufgrund der Kontakteinschränkungen oder mangelnde digitale Teilhabe. Für Migranten/-innen sei die Situation besonders schwierig, weil sie vermehrt unter prekären sozioökonomischen Bedingungen lebten. „Auch viele Geflüchtete in beengten Unterkünften konnten sich vor dem Virus nicht adäquat schützen und isolierten sich noch mehr als vor Corona“, resümierte Stark-Angermeier.
 
Psychische Erkrankungen haben sich verfestigt
„Als wir diesen Fachtag geplant haben, hofften wir alle, dass die Pandemie nach anderthalb Jahren endlich ein Ende finden würde. Leider zeigen uns die aktuellen Zahlen gerade eine andere Entwicklung auf“, sagte Wiltrud Wystrychowski, Leiterin des Psychologischen Dienstes für Ausländer der Caritas in München. „Die Hilfesuchenden werden deutlich mehr. Abgeschlossene Fälle melden sich wieder und viele neue Fälle sind in großer Not und brauchen schnelle Hilfe.“ Aus psychischen Belastungen seien chronische Erkrankungen entstanden. „Kinder wurden durch monatelanges Homeschooling abgeschnitten vom Bildungserwerb.“ Senioren seien isoliert und würden vereinsamen. Junge Erwachsene könnten nicht unbeschwert ihre Jugend genießen. „Und wir, die Helfer/-innen, Berater/-innen, Psychologen/-innen  – auch wir sind durch die Pandemie belastet, erschöpft und müde und versuchen dennoch tagtäglich mit aller Kraft für unsere Klientel da zu sein“, beschrieb Wystrychowski die besonderen Herausforderungen für systemrelevante Berufsgruppen.
 
Pandemie hat Defizite bei Kindern weiter verstärkt
Die Pandemie wirke sich negativ auf alle Bereiche der kindlichen Entwicklung wie seelische Gesundheit, Ernährung oder Bildung, aus. Das bestätigte Referentin Britta Rude vom ifo Zentrum für Internationalen Institutionenvergleich und Migrationsforschung in München. Corona fungiere wie ein Brennglas und habe gesellschaftlich bereits vorhandene Problemlagen noch verstärkt. Für geflüchtete Kinder, die hier 30 Prozent aller Asylerstanträge ausmachten, sei die Situation extrem belastend.Sie litten oftmals unter traumatischen Flucht- und Gewalterfahrungen, gebrochenen Bildungsverläufen, Bildungsrisikofaktoren, sprachlichen Barrieren und schlechteren Lernvoraussetzungen, was durch die Pandemie noch weiter begünstigt worden sei. Rude mahnte eine Reduzierung der Risikofaktoren und zielgerichtete Sozialschutzprogramme für Flüchtlingskinder an. „Sie brauchen eine entzerrte Wohnsituation, eine gute Infrastruktur und Lernausstattung sowie Bildung von Anfang an.“
 
Ältere Migranten oftmals benachteiligt
Die Auswirkungen der Pandemie auf ältere Menschen beleuchtete Laura Wehr vom Kompetenzzentrum „Zukunft Alter“ der Katholischen Stiftungshochschule München. Besonders die Lebenslagen älterer Migrantinnen und Migranten seien von sozialen Benachteiligungen geprägt. „Sie verfügen meist über niedrige Einkommen und Renten sowie ein geringeres Bildungsniveau und sind dadurch eher armutsgefährdet.“ Corona habe wegen der Sprachbarrieren, dem eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem und der mangelnden sozialen Teilhabe die Situation auch in dieser Bevölkerungsgruppe verschärft. Wehr forderte daher unter anderem bedürfnisorientierte Deutschkurse, eine kultursensible Alten- und Krankenpflege und eine mehrsprachige Informationsvermittlung auf unterschiedlichen Kanälen.
 
Eltern stark belastet
Sigrid Stiemert-Strecker, Psychologin in der Caritas-Erziehungsberatung in München-Sendling, und Katrin Elvers vom kbo Kinderzentrum in München-Schwabing, referierten über die außerordentlichen Belastungen von Eltern in der Coronakrise. Depressionen, depressive Verstimmungen, Erschöpfungszustände, Angststörungen oder Panikattacken hätten stark zugenommen. Daher seien eine professionelle Begleitung und ein sicherer Rahmen, der Halt gibt, für überforderte Mütter und Väter unabdingbar. Zudem plädierten die Expertinnen dafür, dass Kitas, Schulen und andere Betreuungs- und Begegnungsorte für Kinder nicht mehr geschlossen werden. „Wir brauchen unbedingt mehr therapeutische Angebote im ambulanten, stationären und schulischen Bereich! Corona hat diesen Systemmangel noch verstärkt.“
 
Diskussion zu Versorgungssystemen
Die Podiumsdiskussion zum Thema „Wie können unsere Versorgungssysteme psychisch belastete/erkrankte Menschen gut durch die Pandemie begleiten?“ moderierte die namhafte Journalistin und Autorin Christina Berndt. „Wenn wir etwas in der Pandemie gelernt haben, dann, dass es neben der körperlichen auch eine mentale Gesundheit gibt und dass wir darauf achten müssen“, sagte Beatrix Zurek, Leiterin des Gesundheitsreferats München und verwies auf die Coronaseite der Stadt im Internet, die alle wichtigen Corona-Infos in 12 Sprachen enthalte. „München hat eine beispielhafte Infrastruktur, was das Thema seelische Gesundheit betrifft“, bestätigte Gülseren Demirel, Bündnis 90/die Grünen. Mehrsprachige Therapeuten/-innen seien allerdings Mangelware.
 
Elif Cindik-Herbrüggen, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete, dass ihr Team 2020 neben der therapeutischen Arbeit vor allem interkulturelle Aufklärungsarbeit betrieben habe. „Viele Patienten waren verunsichert und niedergeschlagen, hatten Angst ihre Großfamilien zu infizieren und wollten wissen, wie sie sich in der Pandemie richtig verhalten sollen. Christian Müller, SPD-Stadtrat, monierte den Wohnraummangel in der Landeshauptstadt: „Um anzukommen braucht man eine eigene Wohnung. Wer ein Rückzugsgebiet hat und alleine kochen kann, der hat eine deutlich bessere psychische Disposition.“ Müller appellierte dafür, schnell bezahlbaren Wohnraum und auch Wohngruppen für psychisch belastete Menschen zu schaffen. Caritas-Vorständin Stark-Angermeier bedankte sich bei den Teilnehmenden für ihr Engagement mit den Worten: „Ohne politische Willensbildung, ohne den Dialog mit Fachleuten und Betroffenen, ohne das redliche Bemühen um gute Lösungen für alle, geht gar nichts.“ (mmr)
 
Ansprechpartnerin: Wiltrud Wystrychowski, Leiterin Psychologischer Dienst für Ausländer, Tel. 0171 8602259