Doris Schneider schlägt Alarm
Doris Schneider schlägt Alarm
München, 26. November 2021

Alarmruf aus den Altenheimen

„Unsere Ampel steht auf dunkelrot“
Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier fordert schnelle personelle
Unterstützung und Perspektiven für die Wintermonate
 
Nach gut zwanzig Monaten Corona-Pandemie und fast kontinuierlichem Krisenmodus fordert der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising von der Bayerischen Staatsregierung und der Bundesregierung endlich eine verlässliche Perspektive für die Wintermonate. „Die Situation in den Caritas-Altenheimen ist mehr als angespannt“, schildert Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier. „Unsere Ampel steht auf dunkelrot. Die rasant steigenden Infektionszahlen in München und Oberbayern verursachen auch in unseren Häusern wieder hohe Infektionsrisiken für Bewohner/-innen und Mitarbeitende – mit allen damit einhergehenden Maßnahmen und Folgen: Isolation, Quarantäne, hohe Personalausfälle“, alarmiert die stellvertretende Caritasdirektorin.
 
Viele Quarantänemaßnahmen würden inzwischen durch Kontakte mit positiv getesteten Menschen im privaten Kontext verursacht und dünnten die Personaldecke weiter aus, ergänzt Doris Schneider, Geschäftsleiterin der 27 Caritas-Altenheime in München und Oberbayern. Außerdem kritisiert sie, dass die Einrichtungen nach wie vor mit ständig und äußerst kurzfristig wechselnden statt einheitlichen und stringenten Anforderungen konfrontiert werden. „Aktuell sind die Regelungen noch diffuser als in den letzten Wellen der Corona-Pandemie“, so Schneider. Jeder Landkreis verordne andere Maßnahmen, zusätzlich verlange der Bund über die neue Infektionsschutzverordnung einen hohen  Dokumentations- und Verwaltungsaufwand. Dieser werde zwar vom Bayerischen Gesundheitsministerium abgelehnt, aber die Träger stünden dazwischen.
 
Führungspersonal ist am Ende seiner Kräfte
Im Vergleich zur Situation vor einem Jahr seien insbesondere die Führungskräfte erschöpft und frustriert. „Sie sehen mit großer Besorgnis auf die bevorstehenden Wochen und Monate“, berichtet Schneider. Jede Regeländerung müsse reflektiert und kommuniziert werden. „Die Führungskräfte müssen mit einem immensen Aufwand die Regeln übersetzen und erläutern – für die Mitarbeitenden, die Angehörigen, die Bewohner sowie für viele Dienstleister und Ehrenamtliche.“ Dafür brauche es jetzt endlich Zusagen über die Unterstützung durch Behörden, Katastrophenschutz oder andere Organisationen, „und zwar bis in den Sommer des nächsten Jahres hinein“, verlangt Schneider. Die sich ständig verändernden Regeln bis in Detailfragen sei eine Zumutung für die Umsetzung vor Ort. Eine zuverlässige Refinanzierung zusätzlicher, durch die Pandemie verursachter, Millionenkosten über einen Rettungsschirm bis weit ins nächste Jahr hinein wäre erforderlich.
 
Als „besonders absurde Drangsal“ bezeichnet die Caritas-Altenheimchefin, dass in dieser aktuellen Alarmsituation noch regelhaft alle Prüfungen durch den Medizinischen Dienst (MD) und die Fachstellen für Qualität der Landkreise durchgezogen werden. „Die Führungskräfte kümmern sich um die Umsetzung der politischen Vorgaben, akquirieren Personal, sorgen für Motivation bei allen Beteiligten und müssen sich dann noch Prüfungen unterziehen, die bei den Qualitätsanforderungen davon ausgehen, dass die vergangenen eineinhalb Jahre Normalbetrieb geherrscht hat“, empört sich Doris Schneider. Das koste enorm viel Kraft und Zeit. „Diese Prüfungen müssen aktuell ausgesetzt werden“, fordert Schneider und weiter: „Auch das neue Prüfsystem, die Erhebung der Qualitätsindikatoren, muss unbedingt verschoben werden, um hier dringend NOT-wendige Entlastung zu schaffen. Anlassbezogene Prüfungen sind nachvollziehbar, Regelprüfungen nicht.“ Die Mitarbeitenden aus den Prüfbehörden seien Pflegefachkräfte und sollten den Einrichtungen besser pragmatisch und konkret bei der Bewältigung der Pandemie in diesem Winter helfen. Das habe sich bereits im letzten Winter bewährt.  
 
Mit der Ankündigung einer einrichtungsbezogenen Impfpflicht, sorge die neue Bundesregierung für zwiespältige Reaktionen und Aufruhr in der Branche. Solch eine begrenzte Impfpflicht werde nach Überzeugung der Caritas-Geschäftsleiterin auf das aktuelle Geschehen keinen Einfluss haben, „aber für manche Mitarbeitenden das Fass zum Überlaufen bringen“. Doris Schneider rechnet dann damit, „dass etliche Kollegen/-innen der stationären Altenhilfe den Rücken zukehren werden“. Die Gewinnung von neuen Mitarbeitenden und Unterstützungskräften für den Winter werde dadurch zusätzlich erschwert. Wenn es schon eine Impfpflicht geben müsse, dann plädiert die Chefin von fast 3.000 Angestellten  für eine allgemeine Impfpflicht, statt einer selektiven. Denn diese würde für alle den Weg aus der Pandemie zeigen, nicht nur für einzelne Bereiche, unterstreicht Schneider.
 
Bonuszahlungen für alle Berufsgruppen in den Alten- und Pflegeheimen
Auch die von der künftigen Koalition angekündigten Bonuszahlungen für Pflegekräfte in Höhe von einer Milliarde Euro sollten wohlüberlegt und gerecht verteilt werden. „Ich fürchte, dass dieser Bonus wie beim letzten Mal nicht nur für Motivation, sondern für viel Missmut sorgen wird“, sagt Schneider und erläutert: „In den Altenheimen wirken viele Berufsgruppen zusammen, um diese Pandemie zu bewältigen und die Bewohnerinnen und Bewohner unter schwierigsten Rahmenbedingungen zu versorgen. Dazu gehören gleichwertig alle Berufsgruppen: die Pflege, die Hauswirtschaft, die Verwaltung, die soziale Begleitung, die Haustechnik und auch die Führungskräfte.“ Wichtiger wäre eine langfristige Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Altenhilfe und nicht ein einmaliger Bonus, so Doris Schneider abschließend.