Sicherheitsabstände und 2G plus bei der zweiten Katholischen Armutskonferenz in München.
München, 14. Dezember 2022

Zweite Katholische Armutskonferenz in München

Armutsexperten/-innen, Unternehmer/-innen und politische Vertreter/-innen diskutierten analog und digital über die Themen „Working poor – Menschen in prekären Arbeitssituationen“ sowie „Corona als Beschleuniger sozialer Ungleichheit“. Moderiert wurde der Fachtag mit Livestream über YouTube von der renommierten BR-Moderatorin Ursula Heller, die eine „Maximierung von Menschlichkeit und nicht von Gewinnen“ als Leitmotiv vorgab.
Prekäre Jobs gefährden Zusammenhalt

„Prekäre Arbeitsverhältnisse wie Arbeit auf Abruf oder Minijobs bieten wenig Sicherheit, kaum Perspektiven, keinen arbeitsrechtlichen Schutz und wenig Sinnerfüllung“, konstatierte David Schmitt, Leiter Sozial- und Arbeitsmarktpolitik des DGB Bayern. Die Gewerkschaften kämpften für gute Arbeit mit ordentlich ausgehandelten Löhnen. „Die Arbeitgeber betreiben vielfach Tarifflucht. Wir wollen eine Tarifbindung.“ Prekäre Jobs beträfen oftmals Geringqualifizierte und Frauen. „Sie drängen Menschen an den Rand der Gesellschaft. Zum Beispiel haben Leiharbeiter in München so gut wie keine Chance auf eine Mietwohnung“, kritisierte Schmitt. Gute Arbeit bemühe sich, die Arbeitskraft eines Mitarbeitenden zu erhalten und sie nicht zu verschleißen. Ein weiteres Indiz für gute Arbeit sei die Integration in die sozialen Sicherheitssysteme bis hin zum Rentenalter. Schmitt mahnte, dass die Perspektiven auf gute Arbeit zunehmend schwinden und dies eine große gesellschaftliche Gefahr bedeute.
Best Practice: Vorbildliche Unternehmerin
Sina Trinkwalder, Gründerin von manomama in Augsburg, zeigte auf, wie es anders geht. „Jeder Mensch kann etwas, hat ein Talent. Es gilt nur, es herauszufinden.“ Die Sozialunternehmerin beschäftigt seit 12 Jahren benachteiligte Menschen in ihrem nachhaltigen Modeunternehmen. Mit ihrem Nähwerk manomama hat sie es geschafft, Frauen und Männern wieder neues Selbstwertgefühl zu geben. Von 6 bis 22 Uhr ist es geöffnet. So kann die Arbeit um das private Leben herum flexibel gestaltet werden. Befristete Arbeitsverhältnisse gibt es bei Trinkwalder nicht, auch keine Kurzarbeit. Das verschaffe den Mitarbeitenden Sicherheit. Zum Prinzip der Sozialunternehmerin gehöre auch, ihre Angestellten individuell zu begleiten. Denn nicht jeder und jede sei bereit, sich weiter zu bilden, mancher wolle da bleiben, wo er gerade sei. „Jeder in seinem Tempo!“ In der Pandemie habe sie von Stofftaschen auf Maskenproduktion umgestellt. Ihre Mitarbeitenden seien mit vollem Einsatz dabei gewesen: „Jetzt ist es Zeit, etwas zurückzugeben“, so die gemeinsame Devise.
Corona als Armutstreiber
Joachim Unterländer, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, verwies eindringlich auf das Problem der verdeckten Armut in Bayern, insbesondere bei älteren Frauen. „Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse sind keine Maßnahme zur Armutsbekämpfung. Im Gegenteil: Sie verfestigen Armut.“ Hier müsse man jetzt unabhängig vom Parteibuch gemeinsam anpacken! Anette Farrenkopf, Geschäftsführerin des Jobcenters München, schilderte, wie sich Corona seit März 2020 negativ auf den Münchner Arbeitsmarkt ausgewirkt hat: „Es gab viele Entlassungen von erst kurze Zeit Beschäftigten, Betriebe gingen in Kurzarbeit, Selbstständige mussten Grundsicherung beantragen, viele Kundinnen und Kunden konnten weder vom Kurzarbeitergeld noch vom Arbeitslosengeld leben.“ Das Schlimmste in München sei, wenn man seine Miete nicht mehr bezahlen könne. „Dann beginnt die Abwärtsspirale.“ Münchens Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl berichtete, dass die beiden städtischen Wohnungsgesellschaften in der Coronakrise niemandem wegen Mietrückständen gekündigt hätten. „Das würden wir uns vom freien Wohnungsmarkt auch wünschen.“
Bildung als relevante Größe
Wie wichtig Bildung und Fortbildung, unabhängig von der Coronapandemie, sind, darin waren sich Joachim Unterländer und der Münchner Caritasdirektor Prof. Dr. Hermann Sollfrank einig. „Bildung ist eine relevante Größe in der Armutsbekämpfung“, sagte Sollfrank. Eine probate schulische Bildung und eine erfolgreiche berufliche Ausbildung seien weiterhin von großer Bedeutung. Schulabbrecher/-innen dürften nicht allein gelassen werden. In der Armutsbekämpfung sollte die Prävention einen höheren Stellenwert erhalten. Für Sollfrank bleibe es eine beständige Herausforderung, sich mit der Pandemie auseinanderzusetzen. Er verwies sowohl bei seiner Forderung nach einer allgemeinen und nicht nur berufsbezogenen Impfpflicht wie auch bei den sozialen Unterstützungsleistungen auf das Stichwort gesellschaftliche Solidarität. „Wir leben in einer Solidargemeinschaft und müssen täglich darum ringen, dass Menschen in prekären Lebenslagen Selbstwirksamkeit erfahren.“ „Wir dürfen niemanden in der Pandemie zurücklassen und müssen unsere Netzwerke beständig mobilisieren“, stimmte seine Vorstandskollegin Gabriele Stark-Angermeier zu und appellierte, dass in der vierten Coronawelle trotz Erschöpfungs- und Ermüdungstendenzen der lange Atem nicht nachlassen dürfe.
Mobile Essenausgaben
Lena Bauer von der Münchner Korbinian- und der Antoniusküche der Caritas, mobilen Essenausgaben für Bedürftige in der Stadt, berichtete von vielen positiven Erfahrungen während der Pandemie. „Wir leben von einer riesigen Welle der Hilfsbereitschaft und einem großen Netzwerk an Unterstützern. Autorin und ehrenamtliche Helferin Maja Overbeck erzählte, dass sie sich immer auf ihren Korbinianküchentag freue. Dennoch würden sich beide wünschen, dass sich die Welt so zum Guten verändere, dass es Einrichtungen wie Essensausgaben gar nicht geben müsste. Till Hofmann, Kulturmanager und einer der engagiertesten Trommler für Kunst und Kultur in München, sah auch positive Aspekte in der Bewältigung der Krise: „Es sind schöne kreative Nischen entstanden, weil wir motiviert und flexibel waren. Vielleicht müssen wir einfach umdenken und die lange Sommerpause nutzen, um Theater und Kultur im Freien zu gestalten.“ 
Offene Kirchen in einer engagierten Stadtgesellschaft
Zudem fände er es begrüßenswert, wenn sich Kirchen tagsüber als Aufenthaltsorte für einsame Menschen öffneten. „Sakralbauten dürfen kein Tabu mehr sein und sollten sich als Verweilstätten tagsüber für bedürftige Menschen öffnen“, bestätigte Vorständin Stark-Angermeier. Thorsten Nolting, Pfarrer und Theologischer Vorstand der Diakonie München und Oberbayern, stimmte zu, dass sich durch Corona „etwas virulent verstärkt hat“. Zum Beispiel hätten sich die Anfragen bei der Schuldnerberatung verdreifacht. Dennoch lobte er die Anstrengungen der Münchner Stadtgesellschaft. „Ich finde es schön in einer Stadt zu leben, die alles mobilisiert, um Menschen teilhaben zu lassen.“ (mmr)