Caritasdirektor Sollfrank zieht nach 100 Tagen im Amt eine erste Bilanz.
Caritasdirektor Sollfrank zieht nach 100 Tagen im Amt eine erste Bilanz.
München, 11. Januar 2022.

100 Tage Caritasdirektor Prof. Dr. Sollfrank

„In einem gesellschaftlichen Klima wachsender sozialer Spannungen möchte ich meinen Teil dazu beitragen, die Grundwerte der Caritas – Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit – lebendig werden zu lassen. Mir ist wichtig, deutlich Position zu beziehen für eine solidarische, offene und vielfältige Gesellschaft.“ Mit diesen Worten bilanzierte Diözesan-Caritasdirektor Prof. Dr. Hermann Sollfrank seine ersten 100 Tage im neuen Amt und läutete auch das 100-jährige Jubiläum des größten Wohlfahrtsverbands in Bayern ein. Der 57-jährige Bildungswissenschaftler und Sozialpädagoge verantwortet einen Trägerverband mit fast 10.000 Mitarbeitenden sowie gut 350 Einrichtungen und Diensten. Im Spitzenverband mit 11 Fachverbänden (SKF, KMFV, IN VIA u.a.) und gut 100 angeschlossenen Mitgliedsverbänden sind mehr als 30.000 Menschen in über 1.500 Einrichtungen und Diensten beschäftigt, die sich um weit mehr als 400.000 Klientinnen und Klienten kümmern.
 
Heute berichtete Sollfrank über erste Eindrücke aus seinen Besuchen in Caritas-Einrichtungen, benannte Arbeitsschwerpunkte und sozialpolitische Zielsetzungen. Selbstverständlich müsse die Professionalität der Dienstleistungen und Hilfsangebote auch künftig einhergehen mit dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und der Bereitschaft zur Modernisierung der Organisation etwa im Kontext einer strategischen Mitgestaltung der Digitalisierung der Sozial- und Gesundheitswirtschaft.
 
Corona: Betrieb der Einrichtungen sicherstellen
„Die Bekämpfung des Corona-Virus und der Schutz vulnerabler Mitbürgerinnen und Mitbürger ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und nicht das Problem einzelner Einrichtungen und Personengruppen. Die Solidarität aller ist hier und jetzt gefragt. Wenn schon eine Impfpflicht kommen muss – und wir halten sie nach kritischer Abwägung inzwischen für notwendig –, dann muss es eine allgemeine Impfpflicht sein“, argumentierte Sollfrank. Eine Impfpflicht, die sich nur auf die Beschäftigten in Krankenhäusern, Altenheimen und Behinderteneinrichtungen beschränke, halte er für das falsches Signal. Sie stelle die Aufkündigung der Solidarität gerade mit all jenen dar, die in den letzten Monaten alles gegeben hätten, um einen Weg in die Zukunft für einzelne Betroffene, aber auch für das Gemeinwohl zu ebnen. Um massive Personalausfälle und Teilschließungen zu verhindern, begrüßte Sollfrank die geplanten kürzeren Quarantänezeiten auch für Kontaktpersonen von Omikron-Infizierten. „Insbesondere für geimpfte und geboosterte Mitarbeiter/-innen sollte dies zeitnah beschlossen werden, um den Betrieb der Einrichtungen sicherstellen zu können.“
 
Arbeits- und Fachkräftemangel: Mehr qualifizierte Zuwanderung
Gegen den zunehmenden Arbeits- und Fachkräftemangel im sozialen Bereich – von der Pflege über die Kindertagesstätten bis hin zur Hauswirtschaft – schlug der Caritas-Vorstandsvorsitzende Bund und Kommunen folgende Maßnahmen vor: Soziale Berufe aufwerten, einen Quereinstieg erleichtern, Ausbildung und Unterstützung von Azubis und Studenten vorantreiben, sozialen Wohnungbau ankurbeln, bezahlbare Mietwohnungen für Beschäftigte schaffen, die Zuwanderung qualifizierter ausländischer Fachkräfte beschleunigen und ausländische Berufs- und Bildungsabschlüsse schneller anerkennen. Zudem sollte Asylbewerbern/-innen ein schnellerer Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Deutschland ermöglicht werden. Einen Paradigmenwechsel hin zu einem modernen Einwanderungsland begrüße die Caritas in jeder Hinsicht, vor allem aber aus Gründen einer gelebten humanen, offenen und vielfältigen Gesellschaft. „Wir müssen jetzt handeln. Ausbilden, akquirieren, Hürden abbauen. Rahmenbedingungen wie Schichten, Personalbesetzung/-schlüssel, Zulagen und Gehälter verbessern. Schon heute ist die Suche nach geeigneten Fachkräften sehr schwierig. Es melden sich auch in unseren Einrichtungen zu wenige Bewerber auf offene Stellen und häufig sind die Qualifikationen nicht ausreichend“, mahnte Sollfrank. Dazu käme die Problematik der hohe Mieten im Ballungsraum München. „Mit ein Grund, warum wir als Arbeitgeber kaum qualifiziertes Personal finden. Wer geht schon in eine Region, die zwar tolle Jobs bietet, aber keinen bezahlbaren Wohnraum?“
 
Armut: Bildung und Ausbildung verstärken
„Die soziale Kluft wächst, das sehen wir täglich an unseren Essenausgaben in der Münchner Korbinian- und Antoniusküche. Corona hat sich als Beschleuniger sozialer Ungleichheit erwiesen, Armutsrisiken und Obdachlosigkeit noch sichtbarer gemacht. Einmal arm, immer arm. Das ist für immer mehr Menschen real und bedrohlich“, schilderte Sollfrank. Gerade in München und Oberbayern kämen in die Sozial- und Schuldnerberatungen immer mehr Familienväter oder Alleinerziehende, die nicht mehr weiter wüssten, weil sie in Kurzarbeit seien oder arbeitslos oder als „working poor“ in prekären Beschäftigungsverhältnissen steckten. Zur Armutsbekämpfung gehöre ganz wesentlich Präventionsarbeit, konkret eine probate schulische Bildung und eine erfolgreiche berufliche Ausbildung. Das Existenzminimum müsse zudem dynamisiert und regelmäßig den Inflationsraten angepasst werden. „Für tiefgreifend reformbedürftig halte ich auch die sozialen Sicherungssysteme. Das System der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung muss auch für kommende Generationen zahlungsfähig bleiben. Eine ziemliche Herausforderung in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft“, so Sollfrank.
 
Wohnen: Die soziale Frage der Gegenwart in Deutschland
Die Probleme des angespannten Wohnungsmarkts in Ballungsräumen sowie steigende Mieten und Nebenkosten seien inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Wenn immer mehr Menschen immer weniger bezahlbaren Wohnraum finden, dann kann das die Gesellschaft spalten in diejenigen, die sich Wohnen noch leisten können und in diejenigen, die da nicht mehr mithalten können“, warnte Sollfrank vor einem Auseinanderdriften von Milieus und Stadtgesellschaften. „Im reichen Bayern gibt es viele Menschen, vor allem Seniorinnen, deren Geld kaum für Strom und Essen reicht, geschweige denn fürs Wohnen. Das dürfen wir nicht hinnehmen!“ Deswegen plädiere der Diözesan-Caritasverband dafür, den sozialen Wohnungsbau wieder anzukurbeln und ausreichend bezahlbare Mietwohnungen zu schaffen. „Bislang gibt’s von der Politik viele Sonntagsreden und wenig Konkretes. Wir fordern eine groß angelegte Wohnungsbauoffensive, mehr staatliche Wohnungsgesellschaften, mehr genossenschaftlichen Wohnungsbau sowie soziale Bindungsfristen von mindestens 50 Jahren. (mmr)