Kinder haben ein Recht auf Bildung und Spiel.
Kinder haben ein Recht auf Bildung und Spiel.
München, 5. Juli 2022

Kinderrechte und Kinderschutz in Kitas

„Wie geht’s weiter? Kinderrechte im pädagogischen Alltag vergegenwärtigen und sichern.“ Mit diesem Thema beschäftigte sich am Montag, 4. Juli, ein pädagogischer Fachtag, zu dem der Diözesan-Caritasverband (DiCV) Fach- und Führungskräfte aus katholischen Kindertages-einrichtungen in München und Oberbayern eingeladen hatte. Der DiCV vertritt als Spitzenverband fast 600 katholische Kindertagesstätten mit rund 47.000 Kindern in Krippen, Kindergärten, Horten und Mittagsbetreuungen.
 
Danke an die Fachkräfte für ihren Einsatz in der Pandemie
In seinem Grußwort erklärte Caritasdirektor Prof. Dr. Hermann Sollfrank: „Die Rechte von Kindern und Jugendlichen haben einen äußerst hohen Stellenwert in Deutschland, das zeigt sich auch in der gesetzlichen Verankerung: Hier kann beispielhaft die UN-Kinderrechtskonvention, die im November dieses Jahres ihr 33-jähriges Bestehen feiert, genannt werden.“ Für den Caritasverband sei die Umsetzung und Weiterentwicklung der UN-Kinderrechtskonvention von großer Bedeutung und er leiste seinen Beitrag, indem er diese in seinen Einrichtungen und Diensten flächendeckend umsetze und beachte. Eine grundlegende Voraussetzung für Partizipation in Kitas sei eine offene pädagogische Einstellung. „So können Kinder erleben und erfahren, dass ihre Meinung gehört wird und dass sie respektvoll behandelt werden. Und so lernen sie, auch anderen respektvoll zu begegnen“, erklärte Sollfrank und bedankte sich bei allen Fachkräften vor Ort für ihr Engagement im Allgemeinen und ganz besonders in herausfordernden Zeiten wie der Corona-Pandemie. „Trotz dieser schwierigen Bedingungen und dank Ihrer Professionalität und Ihres Durchhaltevermögens haben Sie es ermöglicht, dass Bildung, Erziehung und Betreuung weitgehend aufrechterhalten werden konnten. Unser Ziel ist es, Kinder in allen Bereichen zu befähigen – ganz gleich, welchen finanziellen, sozialen oder ethnischen Hintergrund sie haben oder ob psychische oder physische Beeinträchtigungen vorliegen.“
 
Kinderschutz während Corona nachrangig
Dr. Hilke Gerber, Caritas- Fachreferentin für Kindertagesbetreuung, zeigte sich erleichtert, dass angesichts der Corona Pandemie zuletzt die starren Rahmenbedingungen gelöst und die Beteiligungsrechte von Kindern, Eltern und Mitarbeitenden in gewohnter Weise mit Leben gefüllt werden konnten. „Katholische Kindertageseinrichtungen haben den gesellschaftlichen Auftrag, Mitbestimmungsrechte im Rahmen von Kinderschutz und Demokratieerziehung zu sichern und weiterzuentwickeln.“ Zahlreiche Weiterbildungen und Projekte zu Partizipation seien durchgeführt und Beteiligungsrechte in Konzepten festgeschrieben worden. „Während der Pandemie mussten Kinderrechte und Partizipation oft eingeschränkt werden. Die Kinderrechte spielten bei den Entscheidungen für die Coronamaßnahmen leider nicht immer die Hauptrolle“, bedauerte Gerber. 
 
Kinder haben ein Recht auf Bildung und Spiel
Das unterstrich auch der Vortrag von Prof. Dr. Jörg Maywald zum Thema „Kinderrechte im pädagogischen Alltag“. „Wie ließe es sich aus Sicht der Kinderrechte begründen, dass beispielsweise das Kind eines Chefarztes während des Lockdowns die Kita besuchen durfte, weil der Vater einen systemrelevanten Beruf ausübt, das Kind einer alleinerziehenden arbeitssuchenden Mutter, die in einer kleinen Wohnung lebt, jedoch nicht?“, fragte der Experte und appellierte an die Politik, dass beide Kinder ein Recht auf Bildung und ein Recht auf kindgerechtes Spielen hätten. Kinderrechte (hierzulande derzeit geltendes Völkerrecht) im Grundgesetz zu verankern sei wichtig, denn das Grundgesetz stehe über allen anderen Gesetzen. Widersprächen sich Kinderrecht und Grundrechte, gelte das, was im Grundgesetz stehe. „Wie wichtig das ist, wird beispielsweise bei der Gesundheitsversorgung von Kindern mit Fluchthintergrund deutlich: Wäre das Recht auf bestmögliche gesundheitliche Versorgung im Grundgesetz verankert, hätten die Kinder das Recht auf Unterstützung, die über die Akutversorgung hinausgeht. Eine Traumatherapie oder eine Zahnspange wären für diese Kinder dann selbstverständlich möglich“, schilderte Maywald. Am Nachmittag beschäftigte sich der Experte für Kinderrechte und Kinderschutz in einem Workshop mit konkreten Praxisfällen und zeigte Wege auf, wie das Kita-Personal Sicherheit gewinnen kann. Die Führungskräfte gingen mit praktischen Tipps für Ihre Aufgabe und Rolle als Leitung, für die Teamentwicklung und Mitarbeiterführung sowie in der Gesprächsführung und Praxisanleitung aus dem Workshop.
 
Überforderung durch die Pandemie und Personalmangel
In einem weiteren Vortrag referierte Diplompsychologin Dr. Anna Spindler zum Thema „Ressourcen und Hürden beim Thema Kinderschutz erkennen und tragfähige Lösungen entwickeln“. Sie beschrieb zum Beispiel die hohen Belastungen der Kita-Teams in der Pandemie oder durch den erheblichen Personalmangel. Eine Überforderung des Personals schade Kindern. Hier müssten sofort praktikable Lösungen gefunden werden. Als Chance für den Aufbau von feinfühliger und entspannter Pädagogik beschrieb Spindler den offenen Umgang mit Konflikten, Defiziten und Fehlern. „Es ist wichtig, sich selbstverständlich auf Fehler aufmerksam zu machen, keiner von uns ist perfekt und jeder darf täglich dazu lernen. Dazu benötigt es eine offene Atmosphäre im Team, die getragen ist von Wertschätzung."  Ressourcen und Routinen in der Kindertageseinrichtung bei Leitung, Team und Träger spielten eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung der Schutzkonzepte. In ihrem Praxisworkshop am Nachmittag „Mit konkreten Praxisfällen im Bereich Kinderrechte und Kinderschutz Sicherheit gewinnen“ vermittelte Spindler anhand von Fallbesprechungen konkrete Lösungsmöglichkeiten für Kitas.
 
Kinder müssen in ihren Rechten gestärkt werden
In einem dritten Workshop mit dem Titel „So bin ich – Vielleicht ist deshalb alles möglich“ beschäftigten sich Anna Rieß-Gschlößl und Barbara Jaud, Fortbildungsreferentinnen der Fachstelle Religionspädagogik im Erzbischöflichen Ordinariat München, mit religionspädagogischen Zugängen zur Fragestellung, wie Kinder gestärkt werden können, ihre Rechte wahrzunehmen und zu behaupten.