Gabriele Stark-Angermeier und Doris Schneider.
Gabriele Stark-Angermeier und Doris Schneider.
München, 4. September 2022.

Caritas fordert mehr Selbstbestimmung

Der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. schlägt Alarm für die Einrichtungen der stationären Alten- und Behindertenhilfe. „Wir sind absolut am Limit und darüber hinaus“, schildert Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier die aktuelle Situation in den Häusern: „Die Altenheime müssen derzeit einen massiven Personalengpass bewältigen.“ Es sei ein außergewöhnlich hoher Krankheitsstand zu verzeichnen, ausgelöst durch Corona- und andere Erkrankungen. „In vielen Fällen sind die Ausfälle auf die Erschöpfung zurückzuführen, die den Mitarbeitenden nach den anstrengenden zweieinhalb Pandemie-Jahren deutlich anzumerken ist“, so die Caritas-Vorständin, die für Oberbayerns größtem Sozialverband für Altenhilfe, Soziale Dienste und Personal zeichnet.
 
Planungssicherheit muss erhalten bleiben
Angesichts der prekären Personallage fordert die Geschäftsleiterin der 27 Caritas-Altenheime in München und Oberbayern Doris Schneider die sofortige Aussetzung der einseitigen, einrichtungsbezogenen Impfpflicht. „Das wäre der mindeste Beitrag der Politik, um für die Altenheime mehr Planungssicherheit für die kommenden Monate zu erhalten“, so Schneider und erläutert: Ab dem 1. Oktober 2022 verlange der Bundesgesetzgeber eine dritte Impfung für Beschäftigte in der Altenhilfe, um dem Infektionsschutzgesetz zu genügen. Eine zweifache Impfung gegen Corona reiche dann nicht mehr. „Damit steuern wir sehenden Auges in die Katastrophe“, warnt Schneider, die wegen dieser „starren Regelung“ kaum noch Bewerber/-innen auf Stellen in ihren Einrichtungen findet. „Wir suchen in allen Arbeitsbereichen Personal, in der Hauswirtschaft, in der Haustechnik, in der Verwaltung, in der Sozialen Begleitung. Und hier konkurrieren wir mit zahlreichen Arbeitsstellen, für die es keine Impfpflicht gibt!“ Das sei weder Mitarbeitenden noch potenziellen Interessenten vermittelbar, zumal die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht vollkommen eingestellt worden sei.
 
Vorschriften schrecken Bewerber ab
Für neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist die Dreifach-Impfung Einstellungsvoraussetzung. „Das schreckt viele Interessenten ab und schmälert auch die Auswahl, weil nur etwa die Hälfte der Bevölkerung dreimal geimpft ist“, so Schneider. Ausnahmen, wie sie bei gefährdeter Versorgungssicherheit für Bestandsmitarbeitende gelte, gebe es nicht. Sinn der Impfung sei heute im Wesentlichen, sich selbst vor Ansteckung oder einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen, aber weniger, um andere Menschen vor einer Ansteckung zu schützen. Insofern ist für Schneider die gesetzliche Vorgabe, jedwede Tätigkeit in den Altenheimen an drei Impfungen zu koppeln, „komplett aus der Zeit gefallen“.
 
Maßnahmen müssen an die Pandemie-Entwicklungen angepasst werden
„Für die Bevölkerung sind fast alle Regeln gefallen. Es gibt große Veranstaltungen, Feste, Konzerte, sogar das Oktoberfest findet statt“, zählt Schneider auf. Altenheime und ihre Beschäftigten hingegen würden weiterhin gemaßregelt. Die Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte der Bewohner/-innen seien weiterhin massiv eingeschränkt. „Die Maßnahmen sind nicht mehr gerechtfertigt und nicht angepasst an die Entwicklungen der Pandemie. Die Impfungen und jetzt auch das Medikament Paxlovid schützen vor schweren Verläufen. Durch die pauschal verhängten Corona-Maßnahmen ist um das Altenheim eine unsichtbare Mauer gebaut, die das soziale Leben in den Einrichtungen nach wie vor auf ein Minimum beschränkt. Es ist an der Zeit, den Menschen wieder ihre Autonomie zurückzugeben und die Hygienemaßnahmen auf die tatsächlichen Erfordernisse zu reduzieren“, verlangt die Chefin der 27 Caritas-Altenheime. Pauschale Masken- und Testpflicht sei in der aktuellen Situation nicht mehr angemessen. Letztendlich könnten bei einem sich zuspitzenden Virus- und Infektionsgeschehen die Maßnahmen sofort wieder verschärft werden. „Aber aktuell alles an einschränkenden Maßnahmen umzusetzen, die Freiheiten massiv zu beschneiden, ist nicht mehr verhältnismäßig. Es braucht dringend wieder einen ganzheitlichen Blick auf den Lebensort Altenheim“, schließt Doris Schneider.
 
Versorgungsauftrag nur schwer zu gewährleisten
Übersehen werde dabei eine dramatische Entwicklung: dass nämlich die Einrichtungen mit den aktuellen Vorgaben ihren Versorgungsauftrag schon jetzt teilweise nicht mehr wahrnehmen können. „Wir müssen reihenweise Anfragen abweisen, weil wir nicht genug Personal finden. Für Angehörige, die dringend einen Platz suchen, ist das tragisch.“ Auch die Sozialdienste der Krankenhäuser seien verzweifelt, weil sie keine Anschlussversorgung für ihre Patienten fänden.
 
Kostenträger übernehmen nicht alle Ausgaben
„Hinzu kommt die dramatische finanzielle Lage der Einrichtungen mit explodierenden Preisen und Energiekosten, die nur zum Teil von den Kostenträgern anerkannt werden“, ergänzt Vorständin Stark-Angermeier. Auch würden die zusätzlichen Aufwände für die nach wie vor gesetzlich geforderten Maßnahmen nicht mehr durch den Rettungsschirm finanziert. Folge: Die Eigenanteile der Bewohner/-innen würden deutlich steigen, nur so könnten die Einrichtungen finanziell überleben. Dies wiederum bedeute, dass erheblich mehr Bewohner/-innen Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssten.
 
Bürokratie verringern!
Um langfristig eine fachgerechte Pflege zu gewährleisten, müsse die Starrheit des Gesamtsystems Altenheim aufgebrochen werden, resümiert die Vorständin. Bürokratie müsse deutlich reduziert, den Träger mehr Regelungskompetenz eingeräumt werden. Die Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in der Altenpflege, also auch in Hauswirtschaft, Verwaltung, Sozialer Begleitung und Haustechnik müssten besser bezahlt werden. „Zudem muss die Finanzierungssystematik dem Inflationsgeschehen angepasst werden, damit die Einrichtungen neben allen personellen Notständen nicht auch noch um ihr wirtschaftliches Überleben bangen müssen“, resümiert Gabriele Stark-Angermeier. (beb)