Diözesan-Caritasdirektor Hermann Sollfrank
Diözesan-Caritasdirektor Hermann Sollfrank
München, 02. November 2022.

Die Armut wächst in die Mitte

AZ-INTERVIEW mit Hermann Sollfrank
Der 58-jährige Oberpfälzer begann seine Berufskarriere mit dem Bau von Lokomotiven. Er studierte Sozialarbeit und Pädagogik und wurde Professor. Seit letztem Herbst ist er Caritasdirektor der Erzdiözese München/Freising.
AZ: Herr Sollfrank, was ist eigentlich Armut?
HERMANN SOLLFRANK: Wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in einem Land verdient, gilt nach EU-Definition als einkommensarm. Das ist in Deutschland fast ein Sechstel der Bevölkerung. Für 2021 lag diese Armutsgrenze bei rund 30 000 Euro brutto im Jahr.
Das hört sich nicht nach so wenig an.
Ziehen Sie davon mal eine Großstadtmiete ab. Zwar geraten die wenigsten bei einem solchen Einkommen bereits in existenzielle Not, aber die Möglichkeiten der Teilnahme reduzieren sich: Kultur, Sport, Ausflüge, Restaurantbesuche, Urlaub, Medien, Digitalisierung. Und gleichzeitig nehmen die Risiken zu.
Inwiefern?
Weil in einer solchen Situation nichts mehr dazu kommen darf: keine längere Erkrankung, kein Job-Verlust, keine Trennung vom mitverdienenden Partner. Dann ist das Risiko eines Absturzes in materielle Not ziemlich real.
Zumal diese Menschen keine Reserven haben dürften.
Ja, wenn kein Vermögen vorhanden ist, greifen alle Armutsszenarien sofort. Viel mehr Menschen aus der früher gut situierten Mittelschicht müssen heute ihr gesamtes Vermögen für die Versorgung im Alter einsetzen, seien es Aufwendungen für die Versorgung zuhause oder im Pflegeheim. In den letzten Lebensjahren ist nicht mehr viel da. Die Mittelschicht wird schleichend schmäler, das Armutsrisiko geht in die Breite.
Was sind die Faktoren, die Armut auslösen können?
Die Bandbreite ist groß: alleine ein Kind erziehen, Schicksalsschläge, Krankheit, Migration, Sprachprobleme, Langzeitarbeitslosigkeit, prekäre Entlohnung, ganz aktuell die Energiekrise. Und natürlich die Mieten, vor allem in den Großstädten, die sind heute eines der größten Armutsrisiken. Es laufen Jahr für Jahr immer noch mehr Sozialbindungen von Wohnungen aus, als dass neue Sozialwohnungen gebaut werden. Auch in Bayern!
Was macht Armut mit Menschen?
Sie kann Angst erzeugen und mutlos machen! Wer armutsnah lebt und keine Rücklagen hat, weiß, dass er schnell abstürzen kann. Das erzeugt Stress und verengt den Blick. Ich habe als junger Mann selbst eine schwere Wirtschaftskrise als Facharbeiter und dann die Herausforderung als „Bildungspionier“ erlebt. Ich hatte Bohrwerkdreher gelernt, und ein aufmerksamer Berufschullehrer gab mir den Impuls, das Abitur und dann das Studium auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Wir hatten zwei kleine Kinder, da war das Geld eine ganze Zeit lang ziemlich knapp, und ernsthaft krank werden hätten wir uns damals auch nicht leisten können und natürlich hatten wir auch immer wieder Momente, wo wir uns fragten, schaffen wir das alles?

Das komplette Interview finden Sie hier.

Spendenkonto: Caritasverband München und Freising, Stichwort: Armutshilfen, Liga-Bank, DE53 75 09 03 00000 2297 779

Dieses Interview ist in der Wochenendausgabe 15./16.10.2022 in der Abendzeitung München erschienen.