Diskussionsrunde über die Krise der Care-Arbeit und mögliche Lösungen.
Diskussionsrunde über die Krise der Care-Arbeit und mögliche Lösungen.
München, 18. November 2022.

„Soziale Berufe sind kein Luxusgut“

„Die Zukunft der Care-Arbeit: Wege in eine solidarische Gesellschaft“ – unter diesem Motto lud der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e. V. am gestrigen Mittwoch anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums zum Fachvortrag und anschließender Podiumsdiskussion in das Tagungszentrum Kolpinghaus in München ein. Vertreter/-innen aus Wissenschaft, Politik und Caritas diskutierten die aktuelle Krise des Care-Sektors sowie mögliche Lösungsansätze. 

Männer in Care-Arbeit einbeziehen und bessere Grundvoraussetzungen schaffen
Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier stellte in ihrem Grußwort das nach wie vor eklatante Geschlechterungleichgewicht in der Sorge-Arbeit in den Mittelpunkt. „Trotz der Professionalisierung des Care-Sektors und trotz gestiegener Frauenerwerbsquote übernehmen Frauen im privaten Bereich immer noch 52% mehr unbezahlte Sorge-Tätigkeiten als Männer. Als Vorständin einer Organisation, bei der 85% der Beschäftigten Frauen sind, fordere ich einen festen Anteil der Lebensarbeitszeit von Männern für Care-Arbeit“, so Stark-Angermeier. 

Überhöhung, Romantisierung und symbolische Anerkennung der Care-Arbeit auf der einen Seite, Ausbeutung, Missachtung und Abwertung auf der anderen Seite diagnostizierte Prof. Paula-lrene Villa Braslavsky, vom Lehrstuhl Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilian-Universität München in ihrem analytisch scharfen Impulsvortrag. Care-Arbeit in all seinen Dimensionen sei die Hinwendung zu den Bedürfnissen des Anderen und des Lebendigen. „Die Fixierung in unserer Gesellschaft auf ein eindimensionales Autonomieverständnis, auf Selbstverfügung und Optimierung lässt dieser Anerkennung von Bedürftigkeit und gegenseitiger Abhängigkeit allerdings wenig Raum“, so Prof. Villa Braslavsky. Nötig wären mehr Zeitressourcen und eine Entkopplung von Erwerbsarbeit, um sich in biographischen Phasen wirklich auf Sorge-Arbeit einlassen zu können. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte hierfür eine Möglichkeit schaffen.  
 
Politische und rechtliche Regulierung unabdingbar
„Soziale Berufe sind kein Luxusgut, das wir uns als Gesellschaft leisten, sondern eine Grundbedingung unseres Zusammenlebens“ machte Harald Bachmeier, Geschäftsleiter der Caritas München, deutlich. „Ohne Care-Arbeit im Privaten, in der Kinderbetreuung, in der Pflege und vielen weiteren Feldern gibt es auch keine produktive Wirtschaft.“ In der Diskussion plädierte er unter anderem für eine klare politische und rechtliche Regulierung des Bereichs der haushaltsnahen Dienstleistungen, da sich hier viele Probleme und Ungleichheiten des Care-Bereichs besonders zuspitzten. Zudem sei die Nachfrage nach diesen Dienstleistungen besonders in Haushalten älterer und bedürftiger Menschen hoch. Der Markt allein schaffe für diese Zielgruppe aber kein nötiges Angebot. Mit der Entwicklung von Förderverfahren für haushaltswirtschaftliche Versorgung habe die Landeshauptstadt hier aber einen wichtigen Schritt gemacht um den Schwarzmarkt einzuschränken und nötige Angebote vorzuhalten.  

Verbesserung der Infrastruktur notwendig und Finanzierungsfrage
Die Münchner Stadträtin Sofie Langmeier (Fraktion Die Grünen – Rosa Liste) reflektierte kritisch den historischen „Liebesbegriff“ im CARE-Sektor, der gerade in konfessionellen Organisationen auch heute noch bedient werde. „Der Begriff der Nächstenliebe ist natürlich eine wichtige ideelle Motivationsquelle. Er schafft aber auch Gefahr für (Selbst-) Ausbeutungsprozesse“, so die Stadträtin. Zudem betonte sie, dass zur Aufrechterhaltung und zum Ausbau von guter Care-Arbeit auch weitere Infrastruktur zur Verfügung stehen müsse: „Wir benötigen in München dringend mehr Wohnraum für diese Berufsgruppen. Auch wir als Stadt sind hier gefordert. Wo immer wir können, wollen wir deshalb Wohnungen für Care-Berufe schaffen und für Menschen, die die Stadt am Laufen halten.“  
 
Ein pointiertes Fazit zog Jutta Schröten, Professorin für Sozialpolitik und Soziale Ökonomie an der Hochschule München: „Letztlich geht es auch um Finanzierung. Care-Arbeit sollte so ausgestattet sein, dass Menschen mit ihr einen angemessenen Lebensstandard absichern können.“ 
 
Über die Caritas München-Freising
Seit seiner Gründung im Jahr 1922 hat sich der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. zum größten Wohlfahrtsverband in Oberbayern entwickelt. Er ist Spitzenverband mit elf Fachverbänden und zahlreichen Mitgliedern. Gleichzeitig ist er Trägerverband für über 350 eigene Einrichtungen und Dienste mit knapp 10.000 Mitarbeitenden. Der Caritasverband deckt das gesamte Spektrum von Hilfeleistungen für Menschen aller Altersklassen, gesellschaftlichen Schichten und Konfessionen ab. 
 
Zum Bild: Prof. Paula-lrene Villa Braslavsky, Stadträtin Sofie Langmeier, Moderatorin Dr. Ulrike Haerendel, Geschäftsleiter der Caritas München Harald Bachmeier und Prof. Jutta Schröten (v.l.) diskutierten über die Krise der Care-Arbeit und mögliche Lösungen.