Sozialministerin U. Scharf (in der Mitte) war in Erding dabei.
Sozialministerin U. Scharf (in der Mitte) war in Erding dabei.
Erding, 06. Dezember 2022.

„Die Caritas ist nicht mehr wegzudenken“

Mit einem großen Fest der Dankbarkeit und zahlreichen Gästen, Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen hat die Caritas in Stadt und Landkreis Erding vorigen Freitag im Erdinger Weißbräu ihren 75. Geburtstag – wegen der Corona-Pandemie mit einjähriger Verspätung - nachgefeiert. 1946 in schwieriger Zeit in den Nachkriegsjahren gegründet, sei „die Caritas mit ihrer hohen und kollegialen Vernetzung heute nicht mehr wegzudenken“, resümiert Zweite Bürgermeisterin Petra Bauernfeind, die in Vertretung des erkrankten Oberbürgermeisters Maximilian Gotz die Glückwünsche der Stadt Erding überbringt. Begonnen habe alles mit einem Angebot für geflüchtete Menschen in Wartenberg, erzählt Kreisgeschäftsführerin Alexandra Myhsok. „Unglaublich, wie vielen Menschen wir seither geholfen haben.“ Heute bieten 400 haupt- und ehrenamtliche Caritäter ein breites Spektrum an sozialen Hilfsleistungen an. Gabriele Stark-Angermeier, Vorständin des Diözesan-Caritasverbands, freut sich besonders, dass mit der 91-jährigen Marie Theres Scholz und der erst vor kurzem verabschiedeten Barbara Gaab zwei starke Frauen aus der Kreisgeschäftsführerinnen-Riege anwesend sind, „die die Caritas und ihre Arbeit in der Region wesentlich mitgeprägt haben“. 

Ministerin Scharf: Dankbar für verlässlichen Partner Caritas 

Sozialministerin Ulrike Scharf ließ es sich nicht nehmen, der Caritas-Familie persönlich zu gratulieren: „75 Jahre Caritas Erding – herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Jubiläum. Die großartige Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Ehrenamtlichen in den Caritas-Einrichtungen, die über den ganzen Landkreis verteilt sind, haben in vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen, Menschen zu helfen. Kinder, Jugendliche und Familien, aber auch ältere Menschen, Menschen mit Behinderung oder Personen in schweren Lebenssituationen – bei der Caritas wird Unterstützung durch verschiedene Angebote ermöglicht. Ich bin dankbar mit der Caritas, insbesondere auch in diesen herausfordernden Zeiten, einen verlässlichen Partner in der sozialen Landschaft an meiner Seite zu wissen.“ 

Zugewandt und sensibel auf die Menschen zugehen – das kann die Caritas 
„Caritas ist wunderbar, weil sie Menschen, die Hilfe brauchen, nicht alleine lässt.“ Und in turbulenten Zeiten wie diesen sei Caritas auch „Zukunft und wichtiger denn je.“ Johann Wiesmeier, der als Sprecher von 26 Bürgermeistern aus der Region gratuliert, kennt die Caritas aus dem Effeff. Schließlich war er 20 Jahre Caritas-Sammler und er weiß, was den Sozialverband ausmacht: „Die Caritas beherrscht die Kunst, frühzeitig zu spüren, wo und wie Menschen geholfen werden kann.“ Dabei führten die Berater/-innen ihre Gespräche mit den Klienten/-innen „sensibel, zugewandt und menschlich“. Oft hole die Caritas die Menschen zum Beispiel bei drohender Wohnungslosigkeit schon ab, bevor die Katastrophe da sei. „Dafür sind wir der Caritas unheimlich dankbar. Denn alleine schaffen wir das als Kommunen nicht“, so Wiesmeier, nicht ohne zu mahnen, die Wurzeln in die Pfarreien nicht zu verlieren. Gemeinden und Caritas müssten mit den Kirchen zusammenwirken, lautet seine Botschaft. 

Lebhafte Diskussion statt Festvortrag 
Auf eine Reise durch die vielfältigen Caritas-Felder begab sich Moderator Hans Moritz, Redaktionsleiter des Erdinger Anzeigers, mit seinen Mitdiskutanten. Kernthema Armut: „Energie- und Ukrainekrise zwingen die Menschen verstärkt in die Sozialberatungen“, berichtet Alexandra Myhsok. Schulden und Obdachlosigkeit nähmen zu. Vorständin Stark-Angermeier plädierte für neue niedrigschwellige Beratungs- und Begegnungsmöglichkeiten an vertrauten Orten, wo vor allem ältere Bedürftige ohnehin seien: die Kirchen. In München funktioniere das hervorragend. „In St. Anton gibt die Antoniusküche ein warmes Essen aus und wer will, bekommt anschließend in den Kirchenbänken eine Sozialberatung oder einfach Hilfe beim Ausfüllen komplizierter Behördenformulare“, erzählt die Caritas-Chefin und fragt eher rhetorisch: „Vielleicht gibt’s ja auch anderswo Kirchen, die nicht den ganzen Tag gebraucht werden?“ Oder eine Wärmestube, für die Petra Bauernfeind sich stark macht. Auch hier könne niedrigschwellig beraten werden, ohne Termin und Behördenbesuch. 

Die Sorge um BIQ: Beschäftigung, Integration, Qualifizierung heißt das Vorzeigeprojekt, das Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Arbeit mehr finden, ausbildet und beschäftigt. Etwa im Café „Etappe“ oder bei „Rentabel“. Die Finanzierung der Projekte wackelt. Der Bundesgesetzgeber fordert, dass die Menschen zurück auf den ersten Arbeitsmarkt müssen. „Aber das funktioniert ja bei psychisch labilen Menschen nicht immer“, kritisiert Stark-Anger-meier und fordert eine konzertierte Aktion für sichere Rahmenbedingungen für beeinträchtigte Arbeitnehmer – oder einen inklusiven ersten Arbeitsmarkt. „Da sind dicke Bretter zu bohren“, so die Caritas-Vorständin. 

Steigende Nachfrage in der Kinder- und Jugendhilfe und flächendeckende Pflege 
„Wenn im letzten Zipfel des Landkreises eine ambulante Pflege gebraucht wird – die Caritas ist da“, unterstreicht Alexandra Myhsok, auch wenn hier das Thema Fach- und Arbeitskräftemangel eine eigene Podiumsrunde ausfüllen würde. Großen Bedarf an therapeutischer Betreuung stellt die Caritas Erding bei der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Schul- und Jugendsozialarbeit fest. „Das staut sich zurück“, bedauert Alexandra Myhsok. Corona, Krieg und Hyper-Inflation verstärkten die Ängste bei Jung und Alt. Sozialministerin Scharf verspricht mehr Geld für Kinder- und Jugendhilfe. Aber auch hier fehle es an Fachkräften, die beraten und begleiten. 

Weniger Eigenmittel gefordert 
Und wo die Ministerin schon mal Seit an Seit sitzt, äußert die Caritas-Vorständin denn auch einen großen Wunsch an die Politik: Dass im Zuwendungsrecht zwischen den Branchen unterschieden wird. Die Sozialwirtschaft, so die studierte Sozialwissenschaftlerin Stark-Angermeier, übernehme ja Aufgaben des Staates. Zumindest dafür sollten die Eigenbeteiligung an der Finanzierung abgeschafft werden. Dass es auch anders gehe, zeige das Beispiel der Erdinger Fachstelle gegen Obdachlosigkeit, die zu 100 Prozent von den Kommunen finanziert werde. Ministerin Scharf versprach immerhin eine Prüfung im Sinne der Sozialverbände. (beb/gai)