v.l. Angelika Sewalski, Sara Birzer, Prof. Hermann Sollfrank, Fred Ranner und Gabriele Stark-Angermeier.
München, 11. Januar 2023.

Caritas fordert politische Offensive

Der Diözesan-Caritasverband (DiCV) für München und Oberbayern warnt vor einem Kollaps im sozialen Sektor, wenn nicht schnell probate Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel ergriffen werden. „Aktuell zeichnet sich in vielen Kindertageseinrichtungen  Mangelverwaltung ab. Das Personal arbeitet zunehmend an der Grenze der Belastbar-keit. Die Folgen sind Krankheit, Gruppenschließungen, Fluktuation. Wir sehen daher dringenden politischen Handlungsbedarf, damit die Kindertageseinrichtungen und Heilpädagogischen Tagesstätten nicht sehenden Auges in eine Krise geraten. Keine Kita arbeitet mit voller Besetzung“, monierten Caritasdirektor Prof. Dr. Hermann Sollfrank und Vorständin Gabriele Stark-Angermeier auf einer Pressekonferenz im Caritas-Kinderhaus St. Vitus in München und forderten für alle Kitas: Rasche innovative Personalgewinnungsmaßnahmen, Stärkung der Schulen und mehr Ausbildungsplätze, den Abbau von Hürden bei Quereinsteigern und Zugewanderten, qualitative und individuelle pädagogische Bildung der Kinder mit ausreichend Personal statt Betreuung mit dünner Personaldecke, Planungs-, Rechts-, Kosten- und Finanzierungssicherheit, mehr Zeitfenster für reine Leitungsaufgaben, Wertschätzung und bessere Entlohnung für den Erzieherberuf sowie die Förderung des Ausbaus familienorientierter Angebote wie Familienzentren, um auch belasteten Eltern in Krisen professionell zur Seite zu stehen.
 DiCV hat 100 offene Stellen im Kitabereich
„Alle kämpfen mit denselben Problemlagen und wir stehen, wenn wir nicht gegensteuern, vor einem Kollaps mit Ansage. Allein in unserem Trägerbereich haben wir derzeit mehr als 100 offene Stellen im Kita-Bereich“, mahnte Vorstandsvorsitzender Sollfrank eindringlich. In jeder Einrichtung fehlten ein bis zwei Arbeitskräfte. „Der Erzieherinnen-Mangel ist hausgemacht. Wir wissen seit Jahren, dass der Bedarf an Kita-Plätzen in der attraktiven Metropol- und Zuzugsregion München steigt – und damit natürlich auch der Bedarf an pädagogischen Fachkräften. Wir brauchen dringend mehr Tempo beim Aufbau der Personaldecke, schnelle und auch regionale Anpassungen bei den Löhnen und Gehältern in teuren Ballungsräumen und so rasch wie möglich auch wesentlich mehr neuen und bezahlbaren Wohnraum für Fachkräfte im sozialen Sektor. Wohnen ist ein Schlüsselthema!“, erklärte Sollfrank. „Wir als Spitzenverband der Caritas in der Erzdiözese München und Freising fordern von der Politik eine ebenso schnelle wie breit angelegte Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Wir müssen die Ausbildung stärken, Ressourcen nutzen und das vorhandene Personal durch angemessene Bezahlung und attraktive Angebote binden“, so der Caritasdirektor.
Mitarbeitende an der Grenze der Belastbarkeit
„Nötig sind mehr Wertschätzung und ein dauerhaft hohes Ansehen für diese systemrelevanten Berufe“, ergänzte Vorständin Gabriele Stark-Angermeier, zuständig für die Ressorts Altenhilfe, Soziale Dienste und Personal. „Gerade in diesem Winter und im vergangenen Herbst mussten immer wieder Buchungszeiten verkürzt und Gruppen zeitweise geschlossen werden, weil Personal fehlt. Mitarbeitende reiben sich auf, um die Lücken zu füllen. Die Leitungskräfte in den Kitas kommen immer weniger dazu, aktiv zu führen und Personal zu entwickeln und zu fördern, da sie ständig in Gruppen aushelfen müssen. Wenn heute eine Küchenhilfe ausfällt, was glauben Sie, wer das Geschirr spült? Die Leitung, die eigentlich andere Aufgaben hat.“ Stark-Angermeier warnte eindringlich davor, dass der ab 2025 geltende Rechtsanspruch auf einen Ganztagsbetreuungsplatz für Schulkinder die Arbeitsmarktlage im pädagogischen Sektor noch verschärfen werde. „Wir müssen innovative Maßnahmen zur Personalgewinnung und -bindung umsetzen. Dafür brauchen wir als Träger entsprechende monetäre Mittel, und zwar in der Regelfinanzierung.“  Kritik übte Stark-Angermeier am Freistaat Bayern, der die 861 Millionen Euro vom Bund aus dem Gute-Kita-Gesetz lieber den Eltern mit günstigeren Kitagebühren zugutekommen ließ statt sie in gutes Personal zu investieren.
Erfüllende Aufgaben unter extremen Arbeitsbedingungen
Über die sehr erfüllende und verantwortungsvolle Arbeit in Kitas und Heilpädagogischen Tagesstätten (HPT), aber auch über die extrem gestiegenen Anforderungen berichteten Caritas-Fachkräfte aus unterschiedlichen Einrichtungen. Angelika Sewalski, Fachdienstleitung Kitas im Caritas-Zentrum Dachau, erzählte: „Wir haben monatelang auf allen Plattformen Erzieher/-innen gesucht und nicht eine Bewerbung erhalten. Wir können mit der knappen Personaldecke leider nicht mehr so auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen. Das ist sehr belastend für alle Beteiligten. Dabei ist es der tollste Beruf der Welt, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Leider gibt es einen enormen Konkurrenzkampf unter den Trägern der Kitas um Personal. Fachkräfte können sofort kündigen und haben morgen wieder einen neuen Job.“ Die Auszubildende Sara Birzer aus dem Caritas-Kinderhaus St. Sebastian in Schwabing, schilderte: „Ich habe Freude an der Arbeit mit Kindern. Der Gedanke, Kinder zu begleiten, zu fördern und ihnen mein Bestmögliches mitzugeben, das ist meine Motivation für den Beruf gewesen. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die einem viel zurückgibt. Leider fehlt es an Anerkennung für den Berufsstand und natürlich spielt die zu geringe Vergütung eine entscheidende Rolle. Hier muss einiges verändert werden.“ Es sei sehr schade, dass man sich schon während der Ausbildung Gedanken machen müsse, wie man in Zukunft über die Runden komme. Fred Ranner, Fachdienstleiter der Heilpädagogischen Tagesstätten für Kinder mit Einschränkungen, lobte das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, wonach bis 2028 alle Kitas inklusiv sein müssen. „Es ist eine Chance, das System inklusiver zu gestalten, wenn die Verantwortung für alle beim Jugendamt liegt.“ Langfristig wünsche er sich eine Zusammenführung der Ausbildungen für Erziehung und Heilerziehungspflege, eine stärkere Ausbildung direkt in den Einrichtungen sowie Inklusion auch für diejenigen Kinder, die momentan nur wegen des Personalmangels einfach nicht inkludiert werden können. „Es gibt viel zu wenige Plätze für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und wir müssen vielen Familien absagen, obwohl sie dringend auf Unterstützung angewiesen wären.“
Als Trägerverband in München und Oberbayern hat die Caritas 75 Kindertageseinrichtungen, in denen 5.603 Kinder von 1.456 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern pädagogisch begleitet und betreut werden. Inklusive Mittagsbetreuungen, Heilpädagogischen Tagesstätten und Frühförderstellen sind es sogar 178 Caritas-Einrichtungen mit insgesamt 13.947 Kindern. Als Spitzenverband vertritt der DiCV 592 Kitas mit gut 45.000 Kindern. (mmr)