Caritas-D3: Ein Ort zum Da-Sein

Sozialcourage 2/2020 - Sommer

Treffpunkt für Menschen mit erhöhtem Alkoholkonsum  

In seiner schwarzen Outdoor-Hose, dem blauen Pulli und seiner schwarzen Wollmütze sieht der hagere Mann aus, als sei er auf der Wanderschaft. Jeden Morgen um fünf Uhr verlässt Jürgen nach etwa sechs Stunden Schlaf sein Lager in der Nähe des Lenbachplatzes in München. Der 65-Jährige verstaut seine Habe an einem sicheren Ort und macht sich auf in Richtung Hauptbahnhof. Dort löst der Wahlmünchner Pfandflaschen ein und trinkt einen Kaffee ToGo.  „Das Geld, das ich mit Flaschensammeln verdiene, reicht mir zum Leben“, sagt er. 

Seit 2011 lebt Jürgen auf der Straße
Er habe sein Leben lang gearbeitet, als Hausmeister und Fernfahrer, im Raumservice für Firmenkunden und Privatleute. 2005 zog er von Mecklenburg-Vorpommern nach Bayern, wohnte in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Münchner Stadtteil Laim. Dann hatte seine Lebensgefährtin einen Unfall und war drei Jahre krank. „Ich hab‘ mich um sie gekümmert, hab‘ keine Fernfahrten mehr gemacht“, erzählt er. „Und als sie wieder gesund war, hat sie mir nen Arschtritt gegeben“, schildert er Kopf schüttelnd. Nach der Trennung konnte er nicht mehr arbeiten. Mahnungen blieben ungeöffnet, Rechnungen unbezahlt. „Irgendwann hab‘ ich den Überblick verloren“, gesteht er. 2011 kam die Räumungsklage. Er packte seine Sachen in sein Auto und lebte fortan auf der Straße.

Jürgen kommt täglich ins Caritas-Begegnungszentrum
Nach dem morgendlichen Kaffee geht Jürgen ins D3, um sich aufzuwärmen. Nach dem Alkoholverbot am Münchner Hauptbahnhof im vergangenen August hat die Caritas Anfang Dezember das Begegnungszentrum für Menschen mit erhöhtem Alkoholkonsum im Auftrag der Stadt München eröffnet. „Der Treffpunkt ist stärker gefragt, als ich es erwartet habe“, berichtet Einrichtungsleiter Winfried Gehensel. Er sei nach 30 Jahren in der Suchthilfe zur Caritas gekommen, um wieder direkt im Dienst am Nächsten zu arbeiten. „Für Menschen, die Mühe haben, Hilfe zu bekommen und anzunehmen und die eigentlich keiner so richtig haben will“, erläutert der Diplomsoziologe. Menschen wie Jürgen, die irgendwann ihre Arbeit oder ihre Wohnung oder beides verloren haben. Menschen mit psychischen Problemen oder mit Suchterkrankungen. Das D3-Team achtet darauf, dass die Besucher/-innen die Hausordnung einhalten: Mitgebrachtes Bier oder Wein darf konsumiert werden, Hochprozentiges oder Drogen sind nicht erlaubt.

Vertrauen aufzubauen ist das A und O
125 Personen kommen an normalen Tagen, während der Corona-Krise durften nur noch 20 Personen für je anderthalb Stunden rein, um Abstand halten zu können. Das D3 sieht Gehensel als Schaltstelle, um in Kontakt mit den Menschen zu kommen. „Sie machen sich eine heiße Suppe aus der Tüte, spielen Karten oder Schach, malen Mandalas und ruhen sich aus“, erzählt er. Es gehe zuerst darum, Vertrauen aufzubauen. Erst nach und nach brächten die Besucher ihre Anliegen vor. Die Sozialarbeiter hörten zu, fragten nach und versuchten gemeinsam Lösungen zu finden. Die Menschen hätten Fragen zu Wohnen und Arbeit, zu ihren Papieren und zur Aufenthaltsdauer. Sie bitten um Kleidung oder um Hilfe bei Schwangerschaft, beim Formulare ausfüllen oder im Kontakt mit dem Jobcenter.

Berührende Schicksalsschläge

Jürgen bittet um nichts. Er trinke auch keinen Alkohol. In der nahegelegenen Abtei St. Bonifaz dusche er zwei Mal wöchentlich, doch dort sei es immer sehr voll. Als er von den Ereignissen erzählt, die ihn aus der Bahn geworfen haben, bleibt ihm die Stimme weg: Enttäuschungen, Missverständnisse, seine Augen werden feucht, bevor er schnell die Fassung wiedererlangt. Er ist ein wenig stolz auf sich: Denn Sozialhilfe hat er nie beantragt. 

Info: Die Caritas und ihr Therapieverbund Sucht arbeiten im D3 eng mit ihren Fachverbänden in der Wohnungslosenhilfe zusammen: Katholischer Männerfürsorgeverein (KMFV), Sozialdienst Katholischer Frauen München (SKF), IN VIA München mit Bahnhofsmission sowie der Sucht-Selbsthilfeorganisation Kreuzbund. Die Stadt München bezuschusst Personal- und Sachkosten mit jährlich 1,4 Millionen Euro, die Caritas bringt Eigenmittel von etwa 60.000 Euro ein. 

Manuela Dillmeier
Foto: Rätz/Caritas München




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