„Die Krankheit macht vor keinem Bildungsgrad Halt“

Sozialcourage 2/2020 - Sommer

Caritas-Demenzhelfer/-innen schenken Zeit und ganz viel Zuneigung

Die Caritas München Nord ist zu Besuch im Alten- und Servicezentrum Freimann. Sechs Frauen und ein Mann sitzen in einem lichtdurchfluteten Raum in einem Stuhlkreis, halten sich an den Händen, schunkeln und singen fröhlich. Ein Luftballon fliegt durch die Luft. Jeder gibt sich Mühe, dass er nicht am Boden landet. Paul*, ein rüstiger älterer Herr mit lebhaften brau-nen Augen, reißt Witze. Herzliches Gelächter bei den Damen. Die Stimmung ist gelöst, vor allem als Sonja Gebauer, Leiterin der Caritas-Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz, die Bastelsachen auspackt. Mit bunten Farben sollen Pappteller bemalt und dann zu Kronen gefertigt werden. Bis dahin ist bei weitem nicht klar, wer in der Gruppe an Demenz erkrankt und wer als Helferin dabei ist. Jetzt erst wird deutlich, wem es schwerfällt die Teller zu bema-len, die Zacken auszuschneiden und die Strasssteinchen aufzukleben. Geduldig und ohne Scheu vor körperlicher Berührung hilft Christine D. ihrer Tischnachbarin: „Ich mache diese Gruppe mit Leib und Seele, die Menschen hier können sich freuen wie Kinder. Das erlebt man sonst selten.“ 

„Für mich ist die Gruppe ideal“ 
Jeder der drei „Gäste“ hat eine eigene Demenzhelferin zur Seite, die motiviert und immer wieder tüchtig lobt. Keiner in diesem vertrauten Kreis spricht über die Krankheit. Das Wort Demenz geht niemandem über die Lippen. „Wir möchten unseren Gästen einen bunten Nachmittag mit Kaffeetafel bieten, eine geschützte Atmosphäre, in der sie vorhandene Defizi-te nicht spüren sollen, sondern Wertschätzung und Anerkennung erfahren“, erklärt Gebauer und verweist auch auf die Gruppe der Angehörigen gleich nebenan. Sadiqa S. aus Afghanis-tan erzählt, dass ihre Mama an Demenz erkrankt sei und sie daher ehrenamtlich als Helferin arbeite. „Ich habe mich lange um eine alte Dame zuhause gekümmert. Ihre acht Kinder hat-ten leider keine Zeit“, bedauert die 36-jährige Mutter von drei Töchtern. Christine D. schließt eine persönliche Begleitung aus: „Die Gruppe ist für mich ideal. Es ist ein begrenzter Zeitrah-men von zwei Stunden und dann gehe ich wieder heim. Bei einer Privatbetreuung könnte ich mich viel schwerer abgrenzen und ich möchte auf keinen Fall Pflegeaufgaben übernehmen.“

„Wir sind wie zwei Freundinnen“
Eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung in München-Milbertshofen. Es öffnet eine zarte alte Dame mit feinen grauen hochgesteckten Haaren, einer blitzsauberen handgestrickten Jacke und einem dunkelblauen Blumenrock mit Spitzenborte. Alle Zimmer sind voller Erinnerungen an ein intensiv gelebtes Leben. Überall hängen handgestickte Bilder und Familienfotos an den Wänden. Auf dem Sofa liegen wunderschöne handgemachte Gobelin-Kissen. Margarethe* erzählt von ihrer verstorbenen Schwester Elisabeth und der Nichte, die jetzt mit ihrem Mann Costas in Griechenland lebt. „Wir haben hier alle zusammengewohnt. Damals habe ich noch bei Etienne Aigner gearbeitet. Es war wunderbar“, resümiert die 93-Jährige. Auf dem Tisch fällt ein Buch von Dietrich Bonhoeffer ins Auge: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.  Die tief gläubige und in ihrer Kirche immer noch engagierte Seniorin blättert täglich darin. Heute wird ebenfalls nicht über Demenz gesprochen. Auf einem Zettel, den Demenzhelferin Irene S. der Besucherin heimlich in die Hand drückt, steht: „Bitte nicht über die Krankheit sprechen“. Die 60-jährige Büroangestellte besucht Margarethe seit zwei Jahren. Die beiden nennen sich gegenseitig „Schatz“. Es ist anrührend zu sehen, welche Vertraut- und Verbun-denheit zwischen den Frauen in kürzester Zeit entstanden ist.  „Irene ist eine ganz Liebe. Wir verstehen uns prima von Anfang an. Sind wie zwei Freundinnen. Gell Schatzi?“, sucht Marga-rethe nach Bestätigung. „Sie ist noch viel zu fit, um die Diagnose Demenz zu akzeptieren. Solange wie möglich selbstständig bleiben, ist das Wichtigste“, erläutert die Ehrenamtliche. Sie freue sich wirklich auf jeden Mittwoch! „Wir machen es uns richtig nett miteinander. Wir singen, plaudern, turnen und spielen. Die Zeit vergeht immer wahnsinnig schnell.“ Manchmal begleite sie ihre „Freundin“ auch in die evangelische Kirchengemeinde. Dort helfe Margarethe noch beim „Eintüteln“ von Geburtstagskarten. Der tiefe Glaube trägt so manche Helferin und Betroffene. „Wenn ich einem karitativen Verein helfe, dann ist es die Caritas, denn ich bin katholisch“, betont die erfahrene Demenzhelferin Christine D. aus der Caritas-Gruppe. „Wir haben schon alles gehabt. Atomphysiker, Lehrerinnen, Richter und Architektinnen. Die Krankheit macht vor keinem Bildungsgrad Halt. Schon Viele haben wir kommen und gehen sehen“, merkt sie nach einem heiteren Nachmittag nachdenklich an. 

*nur Vornamen zum Schutz der Betroffenen

Infos telefonisch unter  089 31 60 63 10 oder online https://www.caritas-nah-am-naechsten.de/fachstelle-fuer-pflegende-angehoerige-muenchen-nord

Text und Fotos: Marion Müller-Ranetsberger




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