Emanzipiert und warmherzig: Eine Stifterin im Geiste Pater Rupert Mayers

Sozialcourage 03/2021 - Herbst

Lydia Raschbichler vor ihrem Lieblingslokal.
Foto: Sabine Walkowiak

„Zeitlebens war Lydia Raschbichler eine gesellige Frau mit wachem Verstand und großem Herzen!“, so erinnert sich ihr Freundeskreis an die alte Dame. Als sie im vergangenen Jahr im Alter von über 90 Jahren starb, trauerten viele in ihrem Heimatort Bad Aibling. Sie war Gründungsmitglied des dortigen Nachbarschaftsrings, besuchte regelmäßig ihren Seniorenstammtisch im Café Moosmühle in einem Nachbarort und lud gerne Freunde und Bekannte in ihr schönes historisches Elternhaus in die Schmiedgasse zu Kaffee und Kuchen ein. Die Straße ist nach ihrem Vater Martin Raschbichler, ehemals Hofschmied in Schloss Maxlrain, benannt.
 
Lydia Raschbichler wuchs behütet als jüngstes von drei Kindern auf, bis die Nazi-Diktatur und der Krieg lange Schatten warfen. Voll Sorge wartete die ganze Familie auf die Rückkehr von Lydias Bruder, der nach seiner Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft Pfarrer wurde. Während ihre ältere Schwester als Haushälterin für den Bruder sorgte, ging Lydia eigene Wege: Damals keineswegs selbstverständlich für eine junge Frau, erlernte sie auf der Riemerschmid-Wirtschaftsschule einen Beruf und zog in ihre Wahlheimat München. Zunächst war sie bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank tätig und unterrichtete ihre Kollegen/-innen in Kurzschrift und Maschinenschreiben. Damals waren am Schalter nur männliche Bankangestellte erlaubt. Wegen Benachteiligung von Frauen an ihrer Arbeitsstelle wechselte Lydia Raschbichler zur Landeshauptstadt München und wurde Sitzungsstenografin im Range eines „Amtmannes“ – eine gendergerechte Berufsbezeichnung gab es damals ebenfalls noch nicht. Gerne erinnern sich Lydias Freundinnen an Anekdoten über verschiedene Münchner Oberbürgermeister, deren Reden Lydia schnell und souverän zu Papier brachte.
 
Nach ihrer Pensionierung und dem Tod ihres Vaters zog Lydia zurück in ihr Elternhaus nach Bad Aibling. Sie pflegte ihre Schwester liebevoll bis zu deren Tod. Beide waren tief gläubig, unverheiratet und kinderlos. Lydia unterstützte zahlreiche wohltätige Organisationen und beschäftigte sich leidenschaftlich mit der Aufarbeitung des Dritten Reiches. Den Seligen Pater Rupert Mayer verehrte sie als Widerstandskämpfer und Fürsprecher. Allmählich entstand in ihr der Wunsch, dass nach ihrem Tod ein Stiftungsfonds unter dem Dach der Pater-Rupert-Mayer-Stiftung gegründet werden sollte. Der Fonds soll Caritas-Projekte für Arme, Obdachlose und Menschen mit Behinderung unterstützten.
 
Lydia Raschbichler fand Erfüllung darin, mit ihrem Erbe Gutes zu tun. Ihre Freundin und Pflegerin Sabine ermöglichte ihr, fast bis zum Tod in ihrem Elternhaus zu leben, und erinnert sich an Lydias letzte Stunden: „Wir haben gemeinsam zur Mutter Gottes und zum Seligen Pater Rupert Mayer gebetet. Lydia ist nach einem langen erfüllten Leben friedlich eingeschlafen.“

Text: Marieluise Ruf




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