Ich dachte, ich würde sterben

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen seit Frühjahr 2015 in noch größerer Zahl in Bayern als in den Jahren zuvor. Der überwiegende Teil sind junge Männer im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Nur etwa zehn Prozent sind junge Mädchen, eines von ihnen ist Bayan Khalili, die vom Caritas-Jugendbüro in Gauting betreut wird. Das Jugendbüro kümmert sich seit 15 Jahren und Mädchen, die geflohen sind, und arbeitet mit dem Mädchenheim Gauting, einer intensivtherapeutischen Jugendhilfe-Einrichtung der Caritas zusammen.

Traum vom Medizinstudium soll real werden

Bayan ist eine fröhliche junge Frau mit großen dunklen Augen und langen schwarzen Haaren, eines von 23 Mädchen, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Mädchenheim Gauting eine Unterkunft gefunden haben. Seit 18 Monaten wohnt sie hier in einer Wohngemeinschaft mit drei Mädchen aus Afrika. In ihrem typischen Mädchenzimmer mit Plüschtieren, vielen Büchern auf dem Schreibtisch und liebevollem Krimskrams erzählt sie stolz, dass sie im Sommer ihren „Quali“ mache. Danach will sie den Anschluss zum Abitur bekommen, um ihren großen Traum vom Medizinstudium zu verwirklichen. Sie wollte schon immer Ärztin werden und schließlich hat sie für diesen Traum ihr Leben riskiert.

Bayrans Zeit im Iran

Die heute 18-Jährige kommt aus einer iranischen Kleinstadt nahe der irakischen Grenze. Als sie mit 16 Jahren die Oberschule besuchen wollte, die ihr später das Medizinstudium ermöglicht hätte, wurde sie nicht zugelassen, weil sie aus einer kurdischen regimekritischen Familie stammt. Viele Mitglieder der Familie haben das Land bereits verlassen. Ihr Vater wird ständig von Polizei und Geheimdienst überwacht, oft schon war er im Gefängnis. Auch Bayan selbst hatte immer wieder Probleme mit der Polizei, weil sie nicht genug verschleiert war. So selbstbewusst wie sie von ihrer Familie erzählt, kann man sich auch nicht vorstellen, dass sie sich in das rigide gesellschaftliche System des Iran gefügt hätte.


Schwierige Ausreise

Bayan will weg. Ihr Vater stimmt dem Plan, zu ihrem Onkel nach Schweden zu gehen. Einfach aus dem Iran ausreisen, darf sie nicht. Als sie vorgibt, zu einer Pilgerstätte in den Irak zu fahren, darf sie das Land verlassen. Im Irak bekommt sie über eine kurdische Partei die Möglichkeit, in die Türkei zu gelangen. Doch dort „fängt die schwierige Zeit“ an, erzählt sie. Ihr Onkel heuert einen Schlepper an, der sie nach Griechenland bringen soll. In Athen würde er sie abholen und mit nach Schweden nehmen. Doch es kommt anders.

Fußmarsch durch Griechenland

Mit 30 Frauen, Männer und Kinder wird Bayan von Schleppern zu Fuß durch unwegsames Gelände nach Griechenland gebracht. Sie ist allein auf sich gestellt, weiß nicht, wo sie ist. Die Gruppe läuft nur nachts und ohne Licht. Der Anführer der Gruppe schlägt mit einer Machete einen Pfad in die Wildnis, niemand kann Dornenzweige oder Stolpersteine erkennen. „Viele aus der Gruppe haben sich verletzt, aber es gab kein Verbandsmaterial“, erzählt Bayan. Untertags mussten sie sich im Gebüsch verstecken. „Und wer nicht mehr konnte, blieb zurück.“ Als die Gruppe endlich das Meer erreicht, gibt es zwei kleine Segelboote, in denen normalerweise zwei Personen Platz haben. In der Nacht pferchen die Schlepper acht Menschen in ein Boot. Bayan ist darunter. Die anderen bleiben einfach am Strand zurück. Sie hat keine Ahnung, wo sie die Türkei verlassen hat, aber weit von der griechischen Küste kann es nicht weg gewesen sein. Die Boote hatten keine Segel und keine Paddel, der Anführer weist sie an, mit den Händen zu rudern. Nach etwa einer Stunde schlug ihr Boot leck und lief mit Wasser voll. „Schwimmt oder geht unter“, schrie der Anführer, und Bayan sprang ins Wasser. „Ich hatte soviel Angst“, sagt sie. „Ich dachte, ich würde sterben.“ Nach etwa einer halben Stunde erreicht sie einen Strand in Griechenland. Sie ist gerettet. Drei aus ihrem Boot hat sie nie mehr gesehen.

Flucht endet in Bayern

Der Schlepper bringt sie nach Athen in ein billiges Hotel. Er benachrichtigt ihren Onkel und besorgt ihr für viel Geld einen falschen Pass. Nach zwei Wochen kommt ihr Onkel und schließt Bayan in die Arme. Jetzt wird alles gut, denkt sie. Gemeinsam brechen sie mit dem Auto nach Schweden auf. Mit der Fähre setzen sie nach Italien über, fahren in den Norden hoch, durch Österreich durch und erreichen schließlich hinter Kufstein Deutschland. Bei einer Kontrolle in Rosenheim erkennt die Polizei ihren gefälschten Pass. Ihr Onkel wird verdächtigt, ein professioneller Schlepper zu sein, und kommt ins Gefängnis. Bayan wird in die Erstaufnahme-Einrichtung in München gebracht und stellt einen Asylantrag. Nach einigen Wochen wird ihr Onkel wieder freigelassen und kann nach Schweden zurückkehren, aber sie muss auf Veranlassung des Jugendamts hier bleiben.

Bayans Leben in der Asylunterkunft
 
Bayans Asylverfahren läuft noch. Die ersten Monate in der Asylunterkunft seien sehr schwer gewesen, sagt sie. Sie habe sich so verlassen und allein gefühlt und jeden Tag geweint. Doch nach dem ersten Deutschkurs wird für sie vieles leichter. Sie kann sich mit den Menschen verständigen. Mit niemanden sprechen zu können, war für sie in den ersten Monaten in Deutschland am schlimmsten. Und seit sie im Mädchenheim Gauting lebt, ist alles gut. Bis auf die Unsicherheit, ob sie anerkannt wird. Sie hofft vor allem, dass sie als politischer Flüchtling anerkannt wird. Lange kann das Asylverfahren nicht mehr dauern. Bei ihrem Onkel in Schweden zu leben, hat sie jedoch aufgegeben, zu viel hat sie inzwischen in ihre Schulkarriere in Deutschland gesteckt. An ihrem Traum Medizin zu studieren, hält sie jedoch entschlossen fest und versucht, nicht mehr an die schreckliche Zeit der Flucht zu denken.

Caritas Jugendbüro unterstützt bei der Ausbildung
 
Nicht alle Mädchen seien so erfolgreich in der Schule, sagt Marta Friedt, die sich im Caritas Jugendbüro um die Flüchtlinge kümmert. Alle Unterstützung sei „Hilfe zur Selbsthilfe“ und darauf ausgerichtet, sie auf ein selbständiges Leben vorzubereiten. In ihrer Wohngruppe müssen sie sich selbst verpflegen, putzen und waschen. Sie bekommen jedoch Unterstützung bei der Organisation ihres täglichen Lebens, beim Umgang mit Behörden oder bei Problemen in der Schule. Oft schütten die Mädchen den Betreuerinnen auch ihr Herz aus, wenn sie keinen Kontakt nach Hause bekommen oder von dort schlechte Nachrichten kommen. Ziel der Jugendhilfe-Maßnahme ist es in erster Linie, dass die Mädchen die Schule beenden und eine Ausbildung machen. Dass Bayan irgendwann Ärztin sein wird, davon ist Friedt überzeugt: „Sie ist so eine starke Persönlichkeit.
 
Adelheid Utters-Adam



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